PDF* Saturn und Pluto als Chance und Herausforderung
Der Weg durch die Türe
Saturn und Pluto als Chance und Herausforderung
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Christopher A. Weidner – Der Weg durch die Türe Seite 1 von 12
© Christopher A. Weidner 2002
Christopher A. Weidner
Der Weg durch die Türe
Saturn und Pluto als Chance und Herausforderung
(2002)
„Der Weg hinaus ist durch die Türe.
Wie kommt es, dass niemand diesen Ausgang benützt?“
Konfuzius
Als der Mystiker und Philosoph Gurdjieff einmal gefragt wurde, ob es denn möglich sei, Kriege
zu verhindern, antwortete er: „Gewiss können sie dies.“ Und er ergänzte: „Dazu ist es
notwendig, dass die Menschen aufwachen. Das scheint eine Kleinigkeit zu sein.“ Nun muss
man wissen, das Gurdjieff eine besondere Ansicht über den Zustand unseres Bewusstseins
hatte, mit dem wir Menschen uns normalerweise im Alltag bewegen. Während wir der
Überzeugung sind, dass unser Denken, Fühlen und Handeln seine Grundlage in einem klaren
Bewusstsein findet, sind wir aus der Sicht seiner Lehre nichts anderes als Schlafende, die nur
träumen, bewusst zu sein. Dieser Schlaf ist „ein viel gefährlicherer Schlaf als der Schlaf
nachts im Bett“. Und er gibt ein Beispiel: „Gerade im Augenblick wird Krieg geführt (Anm.:
gemeint ist der Erste Weltkrieg). Was bedeutet dies? Es bedeutet, dass einige Millionen
schlafender Menschen versuchen, einige Millionen anderer schlafender Menschen zu
vernichten.“ Das Ende dieses Krieges könne nur durch das Aufwachen aus diesem Schlafe
bewirkt werden. Aber gerade das „ist das Schwerste, was es gibt, weil dieser Schlaf durch das
ganze uns umgebende Leben, durch alle uns umgebenden Verhältnisse veranlasst und
aufrechterhalten wird.“
***
Am 11. Septembers 2001 verfolgte die halbe Welt nahezu live, wie ein Flugzeug, gesteuert
von Terroristen, in das World Trade Center stürzte. Die beiden mächtigen Türme fielen in sich
zusammen und begruben viele tausend Menschen unter sich. Mit dem Fall der Türme aber
wurde nicht nur ein Symbol für die Macht der Weltwirtschaft und der Globalisierung
eingerissen: Jedem, der diese Katastrophe bewusst miterlebte, wurde klar, dass angesichts
der Ausmaße dieses Ereignisses etwas zerstört wurde, woran wir bislang wenig Zweifel hatten
und das wir für unverbrüchliche Tatsache gehalten hatten. Unsere Wirklichkeit hatte einen
Riss bekommen, und dahinter schimmerte etwas Fremdes, Bedrohliches und
Unberechenbares hervor. Viele fassten dieses Gefühl in dem Satz zusammen, dass seit
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diesem Tag nichts mehr so sein würde, wie zuvor. Das Gefühl, Zeuge eines unfassbaren,
jegliche persönliche Dimension übersteigenden historischen Augenblicks geworden zu sein,
wurde begleitet von einem Gefühl der Ohnmacht.
Ich glaube, dass dieses Gefühl für viele von uns fremd ist – denn meinen wir nicht in der
Regel aller Fälle, dass wir unser Leben in der Hand haben? Leben wir nicht mit dem
Bewusstsein, dass wir jeden unserer Schritte planen und unsere Zukunft nach unseren
Möglichkeiten gestalten können? Sicher – täglich bedrohen uns Ängste, plagen uns Nöte und
tauchen Unsicherheiten auf. Doch stimmt es nicht, dass wir prinzipiell mit dem Glauben durch
die Welt gehen, selbst zu bestimmen, selbst zu entscheiden, selbst Verantwortung zu haben?
Der Albtraum vom 11. September 2001 riss diesen Glauben wie eine Maske von dem Gesicht
dessen, was wir unsere Wirklichkeit nennen. Und für ohnmächtige Momente konnten wir
sehen, welcher Schrecken sich dahinter die ganze Zeit verbarg. Um es in den Worten von
Gurdjieff auszudrücken: Wir erkannten, dass wir schliefen. Gurdjieff beschreibt den Zustand
des Schlafes als einen Grundzustand des menschlichen Lebens. Im Kampf gegen diesen
Schlaf besteht der erste Schritt darin, zu begreifen, dass wir schlafen und dass wir im Schlaf
nichts tun können. Nur dann haben wir eine Chance, aufzuwachen.
Aber sind wir auch wirklich aufgewacht?
***
Die Konstellationen des Himmels, die planvollen Bewegungen der Planeten über das
Firmament, das sich wie ein schützendes Dach über uns aufspannt und doch so tief und klar
und unendlich ist – die gesamte rhythmische Ordnung „da oben“ musste die Menschen schon
früh fasziniert haben. Insbesondere dann, wenn das Grundempfinden des Menschen „hier
unten“ von Durcheinander, Chaos und Willkür geprägt ist. Nicht selten erleben wir uns wie
hineingeworfen in einen ungeregelten Fluss des Erlebens, ohne zu wissen, wohin uns das
Leben tragen wird und was hinter der nächsten Flussbiegung auf uns warten mag. Vielleicht
ist Astrologie aus dem Wunsch entstanden, sich das chaotische Dahinströmen des Lebens
auf der Erde mit der Ordnung des Himmels verständlicher zu machen – vielleicht auch nur, um
es erträglicher zu machen. Astrologie trägt in sich das Versprechen, dass alle Erfahrungen,
die wir als Menschen auf der Erde machen, sich entlang bestimmter Muster entwickeln, die wir
mit Hilfe der Zyklen des Himmels erfassen können, auch wenn wir sie aus menschlicher
Perspektive nicht wahrnehmen können.
Astrologie ermöglicht nicht nur, eine bestehende Ordnung festzustellen, sondern zu
verstehen, dass jeder Augenblick in Prozesse eingebettet ist. Astrologie antwortet demnach
nicht nur auf die Frage: "Wie ist etwas beschaffen?", sondern: "Was kann daraus werden?" Es
ist wichtig zu verstehen, dass Astrologie nicht von Bestimmung handelt, sondern von den
Möglichkeiten, die in jedem Augenblick stecken und darauf warten, von uns genutzt zu
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werden. Jeder Moment besitzt eine einmalige Qualität und eröffnet deshalb Erfahrungen, die
für sich genommen einzigartig und unwiederbringlich sind, und von jedem Augenblick geht ein
schöpferischer Impuls aus, den wir nützen können, um unsere Zukunft selbst zu gestalten.
Astrologie hilft uns, diesen schöpferischen Impuls zu erkennen. Sie schärft unsere Sinne nicht
nur für das, was wir sind und was ist, sondern für das, was wir werden können und künftig
sein kann!
Auch jener schreckliche Augenblick am Morgen des 11. September 2001 trägt demnach einen
schöpferischen Impuls in sich. Dies mag seltsam erscheinen, aber es ist zutiefst
astrologisches Denken. Das Betrachten der Konstellationen dieses Zeitpunktes gibt uns die
Möglichkeit, unsere Ohnmacht als Bestandteil einer Ordnung zu begreifen, sogar als
schöpferischen Impuls und als Chance, aufzuwachen aus dem Schlaf, den wir für gewöhnlich
„unser Leben“ nennen.
***
Dem astrologisch geschulten Auge konnte nicht entgehen, dass es eine ganz besondere
Konstellation gab, welche die Dimension des 11. Septembers 2001 am deutlichsten
beschreiben konnte: die laufende Opposition der beiden Planeten Saturn und Pluto. Saturn
stand zu diesem Zeitpunkt im Zeichen Zwillinge und Pluto im Zeichen des Schützen. Diese
Konstellation tritt nur etwa alle dreißig Jahre auf und umspannt dann eine ganze Zeitphase
von mehreren Monaten. Die aktuelle Konstellation reicht bis Ende Mai 2002, dann verlässt sie
langsam den Bereich, in dem sie als wirksam erachtet wird. Auch wenn kein Astrologe
glaubhaft die Ereignisse des 11. Septembers vorhergesehen hatte, so gab es viele besorgte
Stimmen im Vorfeld dieser Opposition. Ich glaube, dass Saturn und Pluto uns den Schlüssel in
die Hand geben, um zu verstehen, welche globalen Prinzipien die gegenwärtigen Ereignisse,
in die der 11. September wie eine Leuchtboje verankert ist, begleiten.
Was aber genau soll verstehen heißen? Dies heißt nicht, die Frage zu stellen: Warum
geschieht dies? Wenn wir aus dem Zustand der Ohnmacht hinaustreten wollen, um zu
handeln, gilt es einer anderen Frage die Aufmerksamkeit zu widmen: Wozu ist dies
geschehen?
Dies ist die Frage nach der Botschaft des 11. Septembers, oder besser noch: Welche Frage
stellt mir der Fall der Türme und welche Antwort kann ich darauf geben? Wozu geschieht mir
dieser 11. September 2001, was hat er mit mir zu tun und wie geht mein Leben danach
weiter?
Es geht also nicht um lange Erklärungen und Analysen – es geht darum, einen Weg, einen
Ausweg, eine Handlungsanweisung zu finden.
***
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Saturn und Pluto: Beide Planeten kennzeichnet nicht gerade das, was wir allgemein unter
Leichtigkeit des Seins verstehen. Im Gegenteil: Beide haben etwas sehr Schweres,
Drückendes, ja Lebensfeindliches an sich. Dies mag man sich zum Einen aus der
Anschauung herleiten: Beide stehen weit entfernt von der Sonne und haben nur wenig Teil an
ihrem Licht und ihrer Wärme. Lange Zeit war Saturn das Schlusslicht im planetaren Reigen,
bis man jenseits seiner Umlaufbahn weitere Planeten entdeckte. Nun ist Pluto der
Außenposten unseres Sonnensystems. Beide haben also etwas gemeinsam: Sie stehen für
das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Hinter ihnen beginnt Neuland. Sie sind Hüter einer
Schwelle in ein Reich, dass unsere persönlichen Erfahrungen übersteigt und uns mit Dingen
konfrontiert, die mit den Worten des herkömmlichen Bewusstseins nicht zu beschreiben sind.
Sowohl Saturn als auch Pluto verkörpern Themen, die das Individuum und seine ganz
persönlichen Wünsche und Hoffnungen in Frage stellen.
***
Saturn gilt als der strenge Richter unter den Planeten, der sich als Herr der Zeit grau
schimmernd und bleischwer über das Firmament schleppt. Im Horoskop zeigt er uns unsere
Grenzen, genauer gesagt jene Grenzen, in die wir hineingeboren wurden: die Konventionen,
Normen und Spielregeln der Gesellschaft, in denen sich die übergeordneten Bedürfnisse der
Gemeinschaft aller Menschen eines Kollektivs spiegeln. Von daher wird Saturn nicht selten als
Beschränkung und Maßregelung empfunden: er weist uns in unsere Schranken und sieht es
nicht gerne, wenn wir versuchen, uns seinen Spielregeln zu entziehen. Saturn erwartet von
uns nichts Geringeres als die Bereitschaft, unser Leben einer Bestimmung unterzuordnen, die
über unsere Persönlichkeit hinausreicht und mit der wir eine sinnvolle Aufgabe im großen
Ganzen erfüllen. Saturn ist auch die Gerechtigkeit, denn er hält uns vor Augen, wie wichtig es
ist, Gesetze zu befolgen, um das soziale Ganze zu bewahren. Er will gleiches Recht für alle
und duldet keine Ausnahme, damit jeder Einzelne sich sicher fühlen kann.
Doch Saturn verlangt nicht nur, er gibt auch: er stellt uns eine Plattform zu Verfügung, unser
Leben in einem gesellschaftlich bedeutsamen Rahmen zu entfalten. Der Raum, über den wir
dabei verfügen, wird durch Saturns Position im individuellen Horoskop abgesteckt. Hier stehen
wir auf stabilen Füssen, um unsere Rolle in der Gesellschaft erfolgreich wahrzunehmen.
Unsere Entscheidung bleibt es dabei, dieses Angebot in Anspruch zu nehmen oder nicht. Im
Grunde bestimmen wir selbst, ob wir uns und unser Leben aktiv in gesellschaftliche Prozesse
einbringen wollen. Die meisten Menschen nehmen diese Herausforderung nicht an und nur
wenige fühlen sich wirklich berufen, für das Schicksal der Gemeinschaft aktiv einzutreten.
Diejenigen aber die diesen Schritt wagen, wissen genau, was sie an Saturn haben: Er steht
für Integrität, Autorität und Fairness.
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So erzählt uns Saturn etwas darüber, was die Gesellschaft einerseits von uns erwartet,
welche Leistungen und Beiträge wir zu erbringen haben, um in ihr unseren Wert zu beweisen.
Andererseits steht er aber auch für das, was wir der Gesellschaft beitragen können – immer
vorausgesetzt, dass wir unser Leben für wichtig genug halten, um es nicht nur mit uns selbst
und unseren Nächsten zu teilen, sondern mit der gesamten Gemeinschaft.
***
Pluto hingegen steht für alle möglichen Aspekte von Macht. Zumeist wird mit ihm ein Gefühl
des Ausgeliefertseins an Kräfte assoziiert, die über meine Persönlichkeit hinausgehen und die
wir am besten als „Schicksal“ bezeichnen. Dabei ist „Schicksal“ im plutonischen Sinne nicht
Einzelschicksal, sondern eines, das ich mit der Masse teile. Diese Form des Schicksals ist nie
individuell – im Gegenteil: sie verneint meine Individualität. Darum steht Pluto mit Vorgängen
in Beziehung, in denen mein Leben einer Absicht geopfert wird, die sich über mein Leben
gestellt hat – und das nicht selten auf brutale und grausame Art und Weise wie z.B. in
Morden, Amokläufen, Katastrophen, Diktaturen und eben auch Terroranschlägen.
Pluto selbst scheint es dabei egal zu sein, ob ich nun auf der Seite derjenigen stehe, die
Macht ausüben oder Macht zu spüren bekommen. In beiden Fällen bin ich Teil ein und
desselben Spiels. Innerhalb dieses Spiels kann ich die Seite wechseln, kann je nach
Blickrichtung Täter oder Opfer sein, aber wenn es nach Pluto geht, kann ich das Spiel nicht
verlassen. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, ist daher ein primäres Grundgefühl gegenüber
Pluto, und zwar unabhängig davon, auf welche Seite des Spiels uns das Leben gestellt hat.
Dieses Gefühl kann so „eingefleischt“ sein, dass wir uns nicht vorstellen können, dass es eine
Welt außerhalb des Spielfelds gibt, eine Welt, in der es weder Täter noch Opfer gibt, weder
„die Guten“ noch „die Bösen“. Am 11. September 2001 wurde uns dies für Momente bewusst.
Wir spürten die Ohnmacht gegenüber diesem Spiel und wussten nicht, was wir tun können –
wir waren gezwungen, es geschehen zu lassen.
Der argentinische Philosoph und Denker Silo sagte einmal: „Es kommt nicht darauf an, auf
welche Seite dich die Ereignisse gestellt haben. Wichtig ist für dich zu begreifen, dass du
selbst keine Seite gewählt hast.“ Er drückt damit aus, dass es im Grunde egal ist, auf welcher
Seite des Spiels ich gelandet bin. Der erste Schritt, um zu verstehen, wie ich dieser Ohnmacht
entfliehen kann, ist zu erkennen, dass es so etwas wie eine freie Wahl gar nicht geben kann,
solange ich glaube, dass ich nicht die Möglichkeit habe, das Spiel zu verlassen.
***
Saturn und Pluto spielen sich in die Hand: gesellschaftliche Strenge und Kontrolle (Saturn)
paaren sich mit dem Spiel um Masse und Macht (Pluto). Dies führt zu einer Situation, in der es
besonders schwer wird, dieses Spiel zu durchschauen, denn überall, wo wir die Chance
hätten, dies zu erkennen, versperrt uns der Hüter der Schwelle den Ausgang und schickt uns
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auf das Spielfeld zurück. Sein Trick: Er packt uns am sozialen Gewissen, am Gefühl, ein gutes
Mitglied der Gesellschaft sein zu wollen, ja sein zu müssen, insbesondere in Zeiten der
Bedrohung. Das bedeutet: Die Spielregeln der Gesellschaft dienen nicht mehr dem Schutze
des Einzelnen in der Gemeinschaft, sondern werden selbst zu einem Wert, der geschützt
werden muss. Wir sprechen auch nicht mehr davon, die Unversehrtheit der Menschen zu
schützen, sondern wir sprechen von der Bedrohung der Demokratie oder der gar der
Zivilisation. Nicht zuletzt verschwinden Menschen, ihre Einzelschicksale, ihre persönlichen
Nöte, Sorgen, Ängste, Hoffnungen und Wünsche hinter Wortungetümen wie
„Schurkenstaaten“ oder gar der „Achse des Bösen“.
Wenn wir uns von diesen Bildern gefangen nehmen lassen, dann beginnen wir letztlich sogar
zu glauben, dass wir die Menschenrechte nur dann verteidigen können, wenn wir sie im
selben Atemzug verletzen. Wir glauben dann vielleicht wirklich, dass Freiheit beschnitten
werden müsse, wenn wir sie bewahren wollen. Oder wie amerikanische Intellektuelle es
unlängst formulierten: „Es gibt Zeiten, da ist es nicht nur moralisch erlaubt, sondern moralisch
notwendig, Krieg zu führen.“ Sie berufen sich auf die Tradition des „gerechten Krieges“ und
fühlen sich sogar durch das Gebot der Nächstenliebe zur Anwendung von Gewalt gegen jenes
„gnadenlose globale Übel“ berufen. Damit aber haben sie sich vollends in der Perfidie des
Ränkespiels von Saturn und Pluto verloren: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!“
Jeder Versuch, das Spiel anzuzweifeln, wird nicht etwa mit dem Ausschluss aus dem Spiel,
der Disqualifizierung, bestraft. Dies ist kein Freundschaftsspiel mehr, sondern ein Spiel um
Leben und Tod, um Alles oder Nichts, in dem es keine Zuschauer gibt, sondern nur Mitspieler.
Auf der einen Seite spielen die „Guten“ und auf der anderen Seite die „Bösen“, und die einzige
Grundregel des Spieles lautet: Das Spiel muss weiter gehen.
Als Spieler leben wir im Glauben, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als auf der einen
oder auf der anderen Seite zu stehen. Wir glauben, dass es keine Möglichkeit gibt, das
Spielfeld zu verlassen. Wir glauben, dass da nichts ist außerhalb des Spielfeldes. Saturn und
Pluto zwingen uns förmlich in diesen Glauben hinein, indem sie jede Alternative, jede
Veränderung der Spielregeln ablehnen. So wird Saturn/Pluto nicht nur zur Kontrolle (Saturn)
durch die Macht (Pluto), sondern auch durch die Masse, weil der Druck der Allgemeinheit es
fast schon unmöglich macht, dem eigenen Gewissen ungehindert Ausdruck zu verleihen. Der
Druck der Masse zwingt mich dazu, mich gegen meine Überzeugungen zu verhalten und
meinen individuellen Standpunkt in der Welt zu leugnen. Die Macht (Pluto) verformt die
sozialen Strukturen und unser Gewissen (Saturn) so lange, bis sie der Schablone einer
höheren Absicht entspricht.
Doch mit dem 11. September 2001 geschah etwas Unglaubliches: für Momente des
Schreckens wurden wir gewahr, dass wir in diesem Spiel leben – und das seine Spielregeln
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auf eine seltsame und beunruhigende Art und Weise nicht mehr in Ordnung sind. Das Spiel ist
zu einem Albtraum geworden.
***
Der Vergleich mit einem Albtraum ist mehr als sinnfällig: Innerhalb des Albtraumes können wir
alles Mögliche tun, um den Bedrohungen zu entgehen – wir können fliehen, kämpfen, uns
verteidigen, uns verstecken. Doch nichts von alledem wird dazu führen, dass wir unsere
Situation verändern, nämlich die, in einem Albtraum zu stecken. Es gibt nur einen einzigen
Weg, einem Albtraum zu entkommen: Aufwachen.
Ist dies die Botschaft der Opposition von Saturn und Pluto? Spitzt sie unsere Situation auf ein
unerträgliches Maß zu, bis wir nicht anders mehr können als die Wahrheit zu erkennen – eine
Wahrheit, die wir selbst schon lange zuvor konstruiert haben und die sich nun gegen uns
selbst richtet? Saturn und Pluto stoßen uns darauf, dass wir in einem Spiel gefangen sind und
dass es Zeit wird nach einem Ausgang zu suchen. Doch wo ist die Türe?
Zunächst müssen wir verstehen, dass keine Konstellation und auch nicht diese Eine, die sich
in all ihrer Bedrohlichkeit vor uns aufgebaut hat, ein Verhängnis ist. Es gibt an sich keine
guten und keine schlechten Konstellationen in der Astrologie. Natürlich erhebt sich dann die
Frage, warum wir Saturn und Pluto ausgerechnet in dieser Form zu spüren bekommen. Dies
ist eine Frage der Verwirklichungsebene, die ganz entscheidend davon abhängt, wie sie von
uns als Menschen bestimmt wird. Die Art und Weise, wie wir eine Konstellation erleben, hängt
im Wesentlichen davon ab, ob wir sie als das wahrnehmen, was sie ist: ein Potenzial, das
Chance und Herausforderung sein kann, aber eben auch Verhängnis, wenn wir nicht bereit
sind, unser Leben aktiv selbst in die Hand zu nehmen.
Das bedeutet, Saturn/Pluto nicht nur als „Schicksal“ zu begreifen, sondern auch als Chance
zur endgültigen Transformation (Pluto) der Spielregeln (Saturn). Als Chance, ein höheres
Level zu erreichen, in dem die alten Spielregeln für immer ungültig geworden sind.
Saturn/Pluto heißt nicht nur, dass wir erdulden müssen, wie unsere sozialen Strukturen und
unser Gewissen (Saturn) von der Macht (Pluto) demoliert werden, sondern wie wir die
Tatsache nützen können, dass wir in soziale Strukturen eingebunden sind, ein eigenes
Gewissen haben und jeder von uns einen Auftrag im größeren Ganzen hat, um von Innen
heraus wieder Macht über unser Leben zu erlangen.
Doch der unbewusste Umgang mit dem, was Saturn und Pluto bedeuten, hat uns in den
Glauben geführt, dass wir nichts tun können, das Alles ohne unser Zutun geschieht. Wenn wir
aber erst einmal etwas als Schicksal begreifen, dann haben wir tatsächlich keine Wahl.
Was aber wird passieren, wenn wir die Verwirklichungsebene dieser Konstellation mit ihren
erschreckenden Manifestationen nicht verlassen? Wenn wir nicht aufwachen? Offensichtlich
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scheint das Zusammenspiel von Saturn und Pluto sich in einen Prozess verlaufen zu haben,
den Paul Watzlawick den Mechanismus des „Mehr desselben“ nennt.
***
Stellen Sie sich folgendes Bild vor: Ein Radfahrer muss, um sein Gleichgewicht zu halten,
während der Fahrt, ununterbrochen kleine oszillatorische Gegenlenkbewegungen vollziehen.
Durch dieses unmerkliche Gegenlenken erzeugt er eine stabile Fahrtlage. Jeder aber kennt
folgendes Phänomen: Durch einen plötzlichen Eingriff gerät dieses empfindliche System aus
dem Lot – z.B. durch einen Stein, der auf der Fahrbahn liegt, sodass der Radfahrer, um nicht
aus dem Schleudern zu geraten, die entsprechende Gegenbewegung ausführen muss. Nur so
kann er die Balance aufrecht erhalten, ohne zu stürzen.
Dieses Beispiel zeigt: Je heftiger der Eingriff in das System, desto heftiger wird die
mechanisch durchgeführte Gegenreaktion sein. Wenn wir uns nun vorstellen, dass diese als
Ausgleich gedachte Gegenreaktion des Radfahrers eine noch heftigere Antwort zur Folge hat,
die wiederum eine noch heftigere Gegenbewegung verlangt, werden wir den Radfahrer bald
gehörig ins Trudeln kommen und ungeachtet seiner Bemühungen um Gleichgewicht stürzen
sehen.
Paul Watzlawick beschreibt diese Situation mit dem Bild zweier Segler auf einem Boot, „von
denen für sich und auf seiner Seite weit über Bord hängt, um das Boot im Gleichgewicht zu
halten: Je mehr der eine sich hinauslehnt, desto weiter hinaus muss sich auch der andere
lehnen, um die Gleichgewichtsstörungen ‚auszureiten‘.“ Das Ergebnis ist zwar, dass das Boot
durch diese akrobatischen Leistungen im Gleichgewicht gehalten wird, dass es aber zugleich
nicht mehr zu manövrieren ist! Damit wird das gesamte System in sich immer anfälliger für
Störungen, die von außen auf es einwirken: Der geringste Windhauch kann schon eine
Katastrophe auslösen und das Boot zum Kentern bringen. Kursänderungen können nicht
mehr vorgenommen werden.
In dieser Situation kann niemand mehr garantieren, ob das Ziel, das ursprünglich angesteuert
wurde, je erreicht werden kann. Zu sehr sind wir damit beschäftigt, den Kurs über ein „Mehr
desselben“ zu stabilisieren. Eine Möglichkeit, den Kurs zu korrigieren, haben wir nicht mehr:
Wir sind in der Situation gefangen.
„Die Lösung dieser bizarren Lage erfordert ganz offensichtlich, dass wenigstens einer der
beiden etwas scheinbar sehr Unvernünftiges tut, nämlich nicht noch mehr, sondern weniger
desselben zu tun, um nicht ins Wasser zu geraten. Auf diese Weise werden sich die beiden
schließlich wieder sicher, bequem und gemeinsam an Bord des nun stabilen Boots befinden.“
Nur so wird das Boot auch wieder lenkbar und es besteht die Möglichkeit, sich auf den Kurs
des Bootes zu konzentrieren.
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Saturn/Pluto scheint auf eine Strategie des „Mehr desselben“ zu verweisen: Die Lösung von
Problemen wird in einer immer heftigeren Gegenreaktion gesehen, um Macht (Pluto) zu
stabilisieren (Saturn). Das Ergebnis muss eine Katastrophe sein. Erst wenn wir aufhören,
Saturn/Pluto als überindividuelles Schicksal zu betrachten, dem wir uns wie einer Naturgewalt
nicht entziehen können, sondern verstehen, dass wir eine Wahl haben und jeder von uns eine
Antwort auf Saturn/Pluto geben kann, verändert sich die Lage. Wir müssen nur bereit sein,
etwas zu tun, was gegen die Vernunft zu sein scheint. Wir brauchen ein Wunder.
***
Angesichts der zwei Grunderfahrungen unseres Jahrhunderts, die totalitären Staatsformen
und die Bedrohung der Menschheit durch moderne Vernichtungswaffen, fragte sich die
Philosophin Hannah Arendt, ob Politik überhaupt noch einen Sinn habe oder nicht schon
längst in Sinnlosigkeit umgeschlagen sei. Angesichts der scheinbaren Ausweglosigkeit könne
eine entscheidende Änderung zum Heil nur durch eine Art Wunder geschehen. Wunder sind
gegen die Vernunft, denn sie geschehen, ohne dass sie Rücksicht nehmen auf das, was wir
für Naturgesetze halten. Wunder sind jedoch nicht zufällig: Sie geschehen nur denjenigen, die
bereit sind, dem Wunder den Weg zu ebnen.
Wir befinden uns in einer solchen Ausweglosigkeit. Wenn wir jetzt bereit sein wollen für ein
Wunder, wenn wir den Weg durch die Türe aus dem Spiel finden wollen, bedarf es einer
aktiven Haltung zur gegenwärtigen Krise. Aktiv meint in erster Linie den Einsatz eines
menschlichen Vorrechts: zu handeln. Arendt diagnostiziert: Die moderne
Massengesellschaften haben als gemeinsames Merkmal den Konformismus. Konformismus
aber verbietet aktives Handeln. An seine Stelle ist das Sich-Verhalten getreten. Sich richtig zu
verhalten, bedeutet sich die Frage zu stellen: Wie reagiere ich richtig? Im Gegensatz dazu ist
Handeln die Antwort auf die Frage: Was kann ich tun?
„Weil jeder Mensch auf Grund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling
in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in
Bewegung setzen.“ Das Handeln ermöglicht dem Menschen in die Welt eingreifen. Es ist
Ausdruck der Fähigkeit des Menschen, Neues zu schaffen und Wunder zu ermöglichen.
Arendt spricht in diesem Zusammenhang sogar vom Menschen als „Wundertäter“. Für sie ist
Handeln die menschliche Begabung Wunder zu tun, denn Handeln beinhaltet die Möglichkeit
des Anfangens, sodass man gegen alle Unwahrscheinlichkeiten Neues beginnen kann.
„Freiheit wie Unfreiheit ist ein Produkt menschlichen Handelns und hat mit der ‚Natur‘ gar
nichts zu tun“. Ähnlich können wir für die Astrologie argumentieren: Ob wir frei oder unfrei
sind, ob wir Konstellationen als Verhängnis oder als Chance erleben, hängt ausschließlich
davon ab, ob wir bereit sind zu handeln. Und zwar jeder Einzelne von uns im Einklang mit
seinem Gewissen.
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***
Die Entscheidung liegt deutlich bei uns. Wenn wir uns weiterhin verhalten, dann wird uns
Saturn/Pluto erdrücken und unser Gewissen instrumentalisieren. Wir werden weiterhin
glauben, dass „Mehr desselben“ die Lösung für unser Dilemma ist. Wenn wir jedoch
Saturn/Pluto als Aufforderung zum Handeln betrachten, verändert sich die Lage: Wir erhalten
eine reale Chance, Geschichte unter der Ägide dieser Konstellation neu zu schreiben.
Wie jeder Einzelne sein Handeln bestimmen könnte, hängt im Wesentlichen davon ab, in
welcher Resonanz er zu Saturn/Pluto steht. Es ist die Stärke des astrologischen Ansatzes,
dass er uns zeigt, welche Möglichkeiten jeder Einzelne von uns hat. Wir müssen uns dann
nicht mehr damit begnügen, was „man“ tun könnte, sondern wir erfahren, was wir tun können.
Wenn wir im Horoskop betrachten, welche Lebensthemen die laufende Opposition berührt,
werden wir feststellen, dass genau diese Bereiche auch den individuellen Schlüssel zur
Handlung in sich tragen. Entscheidend aber ist, das Bewusstsein zu entwickeln und die
Erkenntnis zuzulassen, dass alle Handlungen, die von mir ausgehen, prinzipiell in der Lage
sind, die Welt zu verändern. Nur dann sind es echte Handlungen, die dem Spiel Einhalt
gebieten können und dem Wunder Raum zur Entfaltung geben.
***
Der Weg durch die Türe – er ist ein Weg, der durch die Erkenntnis führt, dass jeder Einzelne
von uns ein einzigartiges Wesen ist und einen einzigartigen Auftrag hier auf dieser Welt erfüllt.
Dieser Auftrag lebt davon, dass wir ihn mit unseren Handlungen in die Welt hinaustragen und
beginnen, die Verantwortung für die Welt, in der wir leben, nicht an andere zu delegieren,
sondern sie als persönliche Aufgabe betrachten. Der Ausgang aus dem Spiel hat eine
merkwürdige Eigenschaft: er liegt nicht am Spielrand, sondern mitten in den Spielern selbst.
Jeder ist sein eigener Ausgang aus dem Spiel. Doch dazu ist es wichtig, innezuhalten und die
Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken, um zu spüren, dass wir kraft unserer Geburt der
Anfang von etwas Neuem sind, das in der Lage ist, die Welt zu verändern.
Wenn wir dieses Wissen in uns stärken, schaffen wir die Voraussetzungen dafür, das Leben
aus der Vormundschaft von Prinzipien und Ideen zu befreien, die uns mit aller Macht
aufgezwungen werden. Dann werden wir das Gefühl, gelebt zu werden, allmählich
eintauschen gegen das Gefühl zu leben. Wir werden nicht mehr glauben, dass Geschichte
dem mechanischen Prinzip von actio gleich reactio unterworfen ist, sondern wissen, dass in
jedem Augenblick das Wunder eines Neuanfangs steckt.
***
Saturn und Pluto werden sich langsam aber sicher weiter bewegen. Die Opposition, unter
deren Signum Terrorismus eine neue Dimension erhielt, wird nach und nach ihre Exaktheit
verlieren und sich als Taktstock der Geschichte zunächst verabschieden. Aber die Spuren, die
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sie in uns und in der Welt hinterlassen hat, bleiben. Mit der Konstellation verschwindet nicht
die Aufgabe, die Saturn und Pluto uns gestellt haben.
Der amerikanische Denker Noam Chomsky erklärte angesichts der drohenden Eskalation der
Gewalt: „Die wahrscheinliche Reaktion der USA wird jedoch nur noch mehr Angriffe wie diese
– oder noch schlimmere – auslösen. Jetzt erscheinen die Aussichten für die Zukunft sogar
noch ominöser, als sie es vor den jüngsten Gräueltaten waren. Wenn es darum geht, wie wir
reagieren sollen, dann haben wir eine Wahl. Wir können entweder versuchen zu verstehen
oder es bleiben lassen, um damit jedoch die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass noch viel
Schlimmeres auf uns zukommen wird.“
Der erste Schritt besteht also darin, zu verstehen. Ich denke, wir müssen verstehen, dass das
Gefühl von Rache und der Ruf nach Vergeltung uns nicht aus diesem Spiel heraus führt. Dazu
ist es wichtig, dass wir innehalten und nachspüren, was wir jetzt gerade wirklich brauchen und
was wir uns für die Zukunft wünschen. Die meisten Menschen werden dann feststellen, dass
sie sich nichts sehnlicher wünschen als so elementare Dinge wie Frieden und Sicherheit, denn
Frieden und Sicherheit sind die Voraussetzung dafür, dass ich mein Leben in Freiheit entfalten
kann. Wer schließlich weiter nachdenkt, der wird in sich die Erkenntnis finden, dass
Racheakte, Vergeltungsschläge, polarisierende Worte und Feindbilder weder Frieden noch
Sicherheit schaffen werden, sondern lediglich Genugtuung. Was dann folgt ist aber nicht das
Ende des Spiels, sondern eine Fortsetzung von „Mehr desselben“: es wird Gegenreaktionen
geben, die wiederum Gegenreaktionen herausfordern. Frieden und Sicherheit aber werden
auf unabsehbare Zeit zur Utopie.
Wir sollten uns darum bemühen, den Gefühlen von Rache und Vergeltung mit Verständnis zu
begegnen. Dies ist die schwerste aller Übungen, denn es bedeutet, sich in die Situation jener
einzufühlen, die glaubten, keine andere Wahl zu haben, als ihre Bedürfnisse auf diese
entsetzliche und lebensfeindliche Art und Weise auszudrücken. Warum sahen sie keine
Alternative? Welcher Schmerz hat sie zu dieser Gräueltat getrieben, in der sie nicht nur das
Menschliche in anderen, sondern auch in sich selbst verneint haben? Wie ist ihre
Verzweiflung entstanden und wie entstand diese ungeheure Gleichgültigkeit gegenüber den
Folgen ihres Tuns?
Wenn wir auch nur ein bisschen verstehen, was diese Menschen angetrieben hat, dann wird
sich in unseren Herzen eine Türe öffnen, eine Türe hinaus aus dem Spiel. Dann können wir
weiter denken und uns fragen: Was haben wir dazu beigetragen, dass es soweit kommen
konnte? Auf welche Weise sind wir mitverantwortlich geworden für das, was geschehen ist?
Vielleicht werden wir dann feststellen, dass auch wir uns als Bestandteil des Spiels genau
nach den Spielregeln verhalten haben.
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Jetzt aber können wir uns überlegen, wie wir handeln, um dieses Spiel zu beenden. Wir
können uns fragen, was wir tun können, jeder Einzelne von uns, damit solche Taten in Zukunft
nicht mehr geschehen. Wir könnten damit beginnen, unsere Art und Weise zu verändern, wie
wir über die Dinge bislang gedacht haben. Wir könnten unsere Art und Weise verändern, wie
wir bislang über Andere gesprochen haben, könnten versuchen, uns bewusst zu machen, wo
wir in Gedanken, Gefühlen und Handlungen anderen Menschen das Recht auf ein eigenes
Leben abgesprochen haben und vielleicht sogar gedacht haben, dass man sie durch
Bestrafung dazu bringen müsse, genau so zu denken, fühlen und handeln wie wir selbst.
Wenn wir erkannt haben, welcher Schmerz und welche Bedürftigkeit uns selbst dazu bringen,
in anderen Menschen unsere Feinde zu sehen, die bestraft werden müssen, dann können wir
auch anfangen bei anderen dieses Verständnis zu wecken.
Der Weg aus dem Spiel heraus führt nicht durch eine globale Lösung hindurch, ein
endgültiges politisches Patentrezept, das wie so oft über die Welt gestülpt wird, und doch nur
den Interessen Weniger dient. Vielmehr geht es darum, dass wir unsere Bereitschaft zur
Veränderung der Situation aus eigenem Antrieb heraus entwickeln und andere dazu
ermutigen, das Gleiche zu tun. Schließlich könnten wir uns zusammentun und gemeinsam mit
anderen Menschen die Vision einer Welt schaffen, in der die Bedürfnisse aller Menschen
geachtet werden und Chance auf Erfüllung haben, nicht nur die einer Minderheit.
Der 11. September 2001 wird in unserem Gedächtnis bleiben. Doch an uns liegt es, an jedem
Einzelnen von uns, ob dieser Tag der Tag genannt werden kann, an dem wir aufgewacht sind.
Literaturangaben:
Arendt, Hannah: Vita activa oder vom tätigen Leben. München 1989.
Bielefeldt, Heiner, „Intellektuelle auf der Suche nach der Moral“, in: ai-Journal 4/2002.
Chomsky, Noam, "Das Verbrechen ist ein Geschenk für all jene, die nur darauf warten, Gewalt
einzusetzen", auf: http://www.uni-kassel.de/fb10/frieden/themen/Terrorismus/chomsky.html
Ouspensky, P.D., Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Bern 1991.
Silo, Die Erde menschlich machen, München 1995.
Watzlawick/Weakland/Fisch, Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels.
Göttingen 2001.

