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PDF* Saturn und Pluto als Chance und Herausforderung

Der Weg durch die Türe

Saturn und Pluto als Chance und Herausforderung

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Christopher A. Weidner – Der Weg durch die Türe Seite 1 von 12

© Christopher A. Weidner 2002

Christopher A. Weidner

Der Weg durch die Türe

Saturn und Pluto als Chance und Herausforderung

(2002)

„Der Weg hinaus ist durch die Türe.

Wie kommt es, dass niemand diesen Ausgang benützt?“

Konfuzius

Als der Mystiker und Philosoph Gurdjieff einmal gefragt wurde, ob es denn möglich sei, Kriege

zu verhindern, antwortete er: „Gewiss können sie dies.“ Und er ergänzte: „Dazu ist es

notwendig, dass die Menschen aufwachen. Das scheint eine Kleinigkeit zu sein.“ Nun muss

man wissen, das Gurdjieff eine besondere Ansicht über den Zustand unseres Bewusstseins

hatte, mit dem wir Menschen uns normalerweise im Alltag bewegen. Während wir der

Überzeugung sind, dass unser Denken, Fühlen und Handeln seine Grundlage in einem klaren

Bewusstsein findet, sind wir aus der Sicht seiner Lehre nichts anderes als Schlafende, die nur

träumen, bewusst zu sein. Dieser Schlaf ist „ein viel gefährlicherer Schlaf als der Schlaf

nachts im Bett“. Und er gibt ein Beispiel: „Gerade im Augenblick wird Krieg geführt (Anm.:

gemeint ist der Erste Weltkrieg). Was bedeutet dies? Es bedeutet, dass einige Millionen

schlafender Menschen versuchen, einige Millionen anderer schlafender Menschen zu

vernichten.“ Das Ende dieses Krieges könne nur durch das Aufwachen aus diesem Schlafe

bewirkt werden. Aber gerade das „ist das Schwerste, was es gibt, weil dieser Schlaf durch das

ganze uns umgebende Leben, durch alle uns umgebenden Verhältnisse veranlasst und

aufrechterhalten wird.“

***

Am 11. Septembers 2001 verfolgte die halbe Welt nahezu live, wie ein Flugzeug, gesteuert

von Terroristen, in das World Trade Center stürzte. Die beiden mächtigen Türme fielen in sich

zusammen und begruben viele tausend Menschen unter sich. Mit dem Fall der Türme aber

wurde nicht nur ein Symbol für die Macht der Weltwirtschaft und der Globalisierung

eingerissen: Jedem, der diese Katastrophe bewusst miterlebte, wurde klar, dass angesichts

der Ausmaße dieses Ereignisses etwas zerstört wurde, woran wir bislang wenig Zweifel hatten

und das wir für unverbrüchliche Tatsache gehalten hatten. Unsere Wirklichkeit hatte einen

Riss bekommen, und dahinter schimmerte etwas Fremdes, Bedrohliches und

Unberechenbares hervor. Viele fassten dieses Gefühl in dem Satz zusammen, dass seit

Christopher A. Weidner – Der Weg durch die Türe Seite 2 von 12

© Christopher A. Weidner 2002

diesem Tag nichts mehr so sein würde, wie zuvor. Das Gefühl, Zeuge eines unfassbaren,

jegliche persönliche Dimension übersteigenden historischen Augenblicks geworden zu sein,

wurde begleitet von einem Gefühl der Ohnmacht.

Ich glaube, dass dieses Gefühl für viele von uns fremd ist – denn meinen wir nicht in der

Regel aller Fälle, dass wir unser Leben in der Hand haben? Leben wir nicht mit dem

Bewusstsein, dass wir jeden unserer Schritte planen und unsere Zukunft nach unseren

Möglichkeiten gestalten können? Sicher – täglich bedrohen uns Ängste, plagen uns Nöte und

tauchen Unsicherheiten auf. Doch stimmt es nicht, dass wir prinzipiell mit dem Glauben durch

die Welt gehen, selbst zu bestimmen, selbst zu entscheiden, selbst Verantwortung zu haben?

Der Albtraum vom 11. September 2001 riss diesen Glauben wie eine Maske von dem Gesicht

dessen, was wir unsere Wirklichkeit nennen. Und für ohnmächtige Momente konnten wir

sehen, welcher Schrecken sich dahinter die ganze Zeit verbarg. Um es in den Worten von

Gurdjieff auszudrücken: Wir erkannten, dass wir schliefen. Gurdjieff beschreibt den Zustand

des Schlafes als einen Grundzustand des menschlichen Lebens. Im Kampf gegen diesen

Schlaf besteht der erste Schritt darin, zu begreifen, dass wir schlafen und dass wir im Schlaf

nichts tun können. Nur dann haben wir eine Chance, aufzuwachen.

Aber sind wir auch wirklich aufgewacht?

***

Die Konstellationen des Himmels, die planvollen Bewegungen der Planeten über das

Firmament, das sich wie ein schützendes Dach über uns aufspannt und doch so tief und klar

und unendlich ist – die gesamte rhythmische Ordnung „da oben“ musste die Menschen schon

früh fasziniert haben. Insbesondere dann, wenn das Grundempfinden des Menschen „hier

unten“ von Durcheinander, Chaos und Willkür geprägt ist. Nicht selten erleben wir uns wie

hineingeworfen in einen ungeregelten Fluss des Erlebens, ohne zu wissen, wohin uns das

Leben tragen wird und was hinter der nächsten Flussbiegung auf uns warten mag. Vielleicht

ist Astrologie aus dem Wunsch entstanden, sich das chaotische Dahinströmen des Lebens

auf der Erde mit der Ordnung des Himmels verständlicher zu machen – vielleicht auch nur, um

es erträglicher zu machen. Astrologie trägt in sich das Versprechen, dass alle Erfahrungen,

die wir als Menschen auf der Erde machen, sich entlang bestimmter Muster entwickeln, die wir

mit Hilfe der Zyklen des Himmels erfassen können, auch wenn wir sie aus menschlicher

Perspektive nicht wahrnehmen können.

Astrologie ermöglicht nicht nur, eine bestehende Ordnung festzustellen, sondern zu

verstehen, dass jeder Augenblick in Prozesse eingebettet ist. Astrologie antwortet demnach

nicht nur auf die Frage: "Wie ist etwas beschaffen?", sondern: "Was kann daraus werden?" Es

ist wichtig zu verstehen, dass Astrologie nicht von Bestimmung handelt, sondern von den

Möglichkeiten, die in jedem Augenblick stecken und darauf warten, von uns genutzt zu

Christopher A. Weidner – Der Weg durch die Türe Seite 3 von 12

© Christopher A. Weidner 2002

werden. Jeder Moment besitzt eine einmalige Qualität und eröffnet deshalb Erfahrungen, die

für sich genommen einzigartig und unwiederbringlich sind, und von jedem Augenblick geht ein

schöpferischer Impuls aus, den wir nützen können, um unsere Zukunft selbst zu gestalten.

Astrologie hilft uns, diesen schöpferischen Impuls zu erkennen. Sie schärft unsere Sinne nicht

nur für das, was wir sind und was ist, sondern für das, was wir werden können und künftig

sein kann!

Auch jener schreckliche Augenblick am Morgen des 11. September 2001 trägt demnach einen

schöpferischen Impuls in sich. Dies mag seltsam erscheinen, aber es ist zutiefst

astrologisches Denken. Das Betrachten der Konstellationen dieses Zeitpunktes gibt uns die

Möglichkeit, unsere Ohnmacht als Bestandteil einer Ordnung zu begreifen, sogar als

schöpferischen Impuls und als Chance, aufzuwachen aus dem Schlaf, den wir für gewöhnlich

„unser Leben“ nennen.

***

Dem astrologisch geschulten Auge konnte nicht entgehen, dass es eine ganz besondere

Konstellation gab, welche die Dimension des 11. Septembers 2001 am deutlichsten

beschreiben konnte: die laufende Opposition der beiden Planeten Saturn und Pluto. Saturn

stand zu diesem Zeitpunkt im Zeichen Zwillinge und Pluto im Zeichen des Schützen. Diese

Konstellation tritt nur etwa alle dreißig Jahre auf und umspannt dann eine ganze Zeitphase

von mehreren Monaten. Die aktuelle Konstellation reicht bis Ende Mai 2002, dann verlässt sie

langsam den Bereich, in dem sie als wirksam erachtet wird. Auch wenn kein Astrologe

glaubhaft die Ereignisse des 11. Septembers vorhergesehen hatte, so gab es viele besorgte

Stimmen im Vorfeld dieser Opposition. Ich glaube, dass Saturn und Pluto uns den Schlüssel in

die Hand geben, um zu verstehen, welche globalen Prinzipien die gegenwärtigen Ereignisse,

in die der 11. September wie eine Leuchtboje verankert ist, begleiten.

Was aber genau soll verstehen heißen? Dies heißt nicht, die Frage zu stellen: Warum

geschieht dies? Wenn wir aus dem Zustand der Ohnmacht hinaustreten wollen, um zu

handeln, gilt es einer anderen Frage die Aufmerksamkeit zu widmen: Wozu ist dies

geschehen?

Dies ist die Frage nach der Botschaft des 11. Septembers, oder besser noch: Welche Frage

stellt mir der Fall der Türme und welche Antwort kann ich darauf geben? Wozu geschieht mir

dieser 11. September 2001, was hat er mit mir zu tun und wie geht mein Leben danach

weiter?

Es geht also nicht um lange Erklärungen und Analysen – es geht darum, einen Weg, einen

Ausweg, eine Handlungsanweisung zu finden.

***

Christopher A. Weidner – Der Weg durch die Türe Seite 4 von 12

© Christopher A. Weidner 2002

Saturn und Pluto: Beide Planeten kennzeichnet nicht gerade das, was wir allgemein unter

Leichtigkeit des Seins verstehen. Im Gegenteil: Beide haben etwas sehr Schweres,

Drückendes, ja Lebensfeindliches an sich. Dies mag man sich zum Einen aus der

Anschauung herleiten: Beide stehen weit entfernt von der Sonne und haben nur wenig Teil an

ihrem Licht und ihrer Wärme. Lange Zeit war Saturn das Schlusslicht im planetaren Reigen,

bis man jenseits seiner Umlaufbahn weitere Planeten entdeckte. Nun ist Pluto der

Außenposten unseres Sonnensystems. Beide haben also etwas gemeinsam: Sie stehen für

das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Hinter ihnen beginnt Neuland. Sie sind Hüter einer

Schwelle in ein Reich, dass unsere persönlichen Erfahrungen übersteigt und uns mit Dingen

konfrontiert, die mit den Worten des herkömmlichen Bewusstseins nicht zu beschreiben sind.

Sowohl Saturn als auch Pluto verkörpern Themen, die das Individuum und seine ganz

persönlichen Wünsche und Hoffnungen in Frage stellen.

***

Saturn gilt als der strenge Richter unter den Planeten, der sich als Herr der Zeit grau

schimmernd und bleischwer über das Firmament schleppt. Im Horoskop zeigt er uns unsere

Grenzen, genauer gesagt jene Grenzen, in die wir hineingeboren wurden: die Konventionen,

Normen und Spielregeln der Gesellschaft, in denen sich die übergeordneten Bedürfnisse der

Gemeinschaft aller Menschen eines Kollektivs spiegeln. Von daher wird Saturn nicht selten als

Beschränkung und Maßregelung empfunden: er weist uns in unsere Schranken und sieht es

nicht gerne, wenn wir versuchen, uns seinen Spielregeln zu entziehen. Saturn erwartet von

uns nichts Geringeres als die Bereitschaft, unser Leben einer Bestimmung unterzuordnen, die

über unsere Persönlichkeit hinausreicht und mit der wir eine sinnvolle Aufgabe im großen

Ganzen erfüllen. Saturn ist auch die Gerechtigkeit, denn er hält uns vor Augen, wie wichtig es

ist, Gesetze zu befolgen, um das soziale Ganze zu bewahren. Er will gleiches Recht für alle

und duldet keine Ausnahme, damit jeder Einzelne sich sicher fühlen kann.

Doch Saturn verlangt nicht nur, er gibt auch: er stellt uns eine Plattform zu Verfügung, unser

Leben in einem gesellschaftlich bedeutsamen Rahmen zu entfalten. Der Raum, über den wir

dabei verfügen, wird durch Saturns Position im individuellen Horoskop abgesteckt. Hier stehen

wir auf stabilen Füssen, um unsere Rolle in der Gesellschaft erfolgreich wahrzunehmen.

Unsere Entscheidung bleibt es dabei, dieses Angebot in Anspruch zu nehmen oder nicht. Im

Grunde bestimmen wir selbst, ob wir uns und unser Leben aktiv in gesellschaftliche Prozesse

einbringen wollen. Die meisten Menschen nehmen diese Herausforderung nicht an und nur

wenige fühlen sich wirklich berufen, für das Schicksal der Gemeinschaft aktiv einzutreten.

Diejenigen aber die diesen Schritt wagen, wissen genau, was sie an Saturn haben: Er steht

für Integrität, Autorität und Fairness.

Christopher A. Weidner – Der Weg durch die Türe Seite 5 von 12

© Christopher A. Weidner 2002

So erzählt uns Saturn etwas darüber, was die Gesellschaft einerseits von uns erwartet,

welche Leistungen und Beiträge wir zu erbringen haben, um in ihr unseren Wert zu beweisen.

Andererseits steht er aber auch für das, was wir der Gesellschaft beitragen können – immer

vorausgesetzt, dass wir unser Leben für wichtig genug halten, um es nicht nur mit uns selbst

und unseren Nächsten zu teilen, sondern mit der gesamten Gemeinschaft.

***

Pluto hingegen steht für alle möglichen Aspekte von Macht. Zumeist wird mit ihm ein Gefühl

des Ausgeliefertseins an Kräfte assoziiert, die über meine Persönlichkeit hinausgehen und die

wir am besten als „Schicksal“ bezeichnen. Dabei ist „Schicksal“ im plutonischen Sinne nicht

Einzelschicksal, sondern eines, das ich mit der Masse teile. Diese Form des Schicksals ist nie

individuell – im Gegenteil: sie verneint meine Individualität. Darum steht Pluto mit Vorgängen

in Beziehung, in denen mein Leben einer Absicht geopfert wird, die sich über mein Leben

gestellt hat – und das nicht selten auf brutale und grausame Art und Weise wie z.B. in

Morden, Amokläufen, Katastrophen, Diktaturen und eben auch Terroranschlägen.

Pluto selbst scheint es dabei egal zu sein, ob ich nun auf der Seite derjenigen stehe, die

Macht ausüben oder Macht zu spüren bekommen. In beiden Fällen bin ich Teil ein und

desselben Spiels. Innerhalb dieses Spiels kann ich die Seite wechseln, kann je nach

Blickrichtung Täter oder Opfer sein, aber wenn es nach Pluto geht, kann ich das Spiel nicht

verlassen. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, ist daher ein primäres Grundgefühl gegenüber

Pluto, und zwar unabhängig davon, auf welche Seite des Spiels uns das Leben gestellt hat.

Dieses Gefühl kann so „eingefleischt“ sein, dass wir uns nicht vorstellen können, dass es eine

Welt außerhalb des Spielfelds gibt, eine Welt, in der es weder Täter noch Opfer gibt, weder

„die Guten“ noch „die Bösen“. Am 11. September 2001 wurde uns dies für Momente bewusst.

Wir spürten die Ohnmacht gegenüber diesem Spiel und wussten nicht, was wir tun können –

wir waren gezwungen, es geschehen zu lassen.

Der argentinische Philosoph und Denker Silo sagte einmal: „Es kommt nicht darauf an, auf

welche Seite dich die Ereignisse gestellt haben. Wichtig ist für dich zu begreifen, dass du

selbst keine Seite gewählt hast.“ Er drückt damit aus, dass es im Grunde egal ist, auf welcher

Seite des Spiels ich gelandet bin. Der erste Schritt, um zu verstehen, wie ich dieser Ohnmacht

entfliehen kann, ist zu erkennen, dass es so etwas wie eine freie Wahl gar nicht geben kann,

solange ich glaube, dass ich nicht die Möglichkeit habe, das Spiel zu verlassen.

***

Saturn und Pluto spielen sich in die Hand: gesellschaftliche Strenge und Kontrolle (Saturn)

paaren sich mit dem Spiel um Masse und Macht (Pluto). Dies führt zu einer Situation, in der es

besonders schwer wird, dieses Spiel zu durchschauen, denn überall, wo wir die Chance

hätten, dies zu erkennen, versperrt uns der Hüter der Schwelle den Ausgang und schickt uns

Christopher A. Weidner – Der Weg durch die Türe Seite 6 von 12

© Christopher A. Weidner 2002

auf das Spielfeld zurück. Sein Trick: Er packt uns am sozialen Gewissen, am Gefühl, ein gutes

Mitglied der Gesellschaft sein zu wollen, ja sein zu müssen, insbesondere in Zeiten der

Bedrohung. Das bedeutet: Die Spielregeln der Gesellschaft dienen nicht mehr dem Schutze

des Einzelnen in der Gemeinschaft, sondern werden selbst zu einem Wert, der geschützt

werden muss. Wir sprechen auch nicht mehr davon, die Unversehrtheit der Menschen zu

schützen, sondern wir sprechen von der Bedrohung der Demokratie oder der gar der

Zivilisation. Nicht zuletzt verschwinden Menschen, ihre Einzelschicksale, ihre persönlichen

Nöte, Sorgen, Ängste, Hoffnungen und Wünsche hinter Wortungetümen wie

„Schurkenstaaten“ oder gar der „Achse des Bösen“.

Wenn wir uns von diesen Bildern gefangen nehmen lassen, dann beginnen wir letztlich sogar

zu glauben, dass wir die Menschenrechte nur dann verteidigen können, wenn wir sie im

selben Atemzug verletzen. Wir glauben dann vielleicht wirklich, dass Freiheit beschnitten

werden müsse, wenn wir sie bewahren wollen. Oder wie amerikanische Intellektuelle es

unlängst formulierten: „Es gibt Zeiten, da ist es nicht nur moralisch erlaubt, sondern moralisch

notwendig, Krieg zu führen.“ Sie berufen sich auf die Tradition des „gerechten Krieges“ und

fühlen sich sogar durch das Gebot der Nächstenliebe zur Anwendung von Gewalt gegen jenes

„gnadenlose globale Übel“ berufen. Damit aber haben sie sich vollends in der Perfidie des

Ränkespiels von Saturn und Pluto verloren: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!“

Jeder Versuch, das Spiel anzuzweifeln, wird nicht etwa mit dem Ausschluss aus dem Spiel,

der Disqualifizierung, bestraft. Dies ist kein Freundschaftsspiel mehr, sondern ein Spiel um

Leben und Tod, um Alles oder Nichts, in dem es keine Zuschauer gibt, sondern nur Mitspieler.

Auf der einen Seite spielen die „Guten“ und auf der anderen Seite die „Bösen“, und die einzige

Grundregel des Spieles lautet: Das Spiel muss weiter gehen.

Als Spieler leben wir im Glauben, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als auf der einen

oder auf der anderen Seite zu stehen. Wir glauben, dass es keine Möglichkeit gibt, das

Spielfeld zu verlassen. Wir glauben, dass da nichts ist außerhalb des Spielfeldes. Saturn und

Pluto zwingen uns förmlich in diesen Glauben hinein, indem sie jede Alternative, jede

Veränderung der Spielregeln ablehnen. So wird Saturn/Pluto nicht nur zur Kontrolle (Saturn)

durch die Macht (Pluto), sondern auch durch die Masse, weil der Druck der Allgemeinheit es

fast schon unmöglich macht, dem eigenen Gewissen ungehindert Ausdruck zu verleihen. Der

Druck der Masse zwingt mich dazu, mich gegen meine Überzeugungen zu verhalten und

meinen individuellen Standpunkt in der Welt zu leugnen. Die Macht (Pluto) verformt die

sozialen Strukturen und unser Gewissen (Saturn) so lange, bis sie der Schablone einer

höheren Absicht entspricht.

Doch mit dem 11. September 2001 geschah etwas Unglaubliches: für Momente des

Schreckens wurden wir gewahr, dass wir in diesem Spiel leben – und das seine Spielregeln

Christopher A. Weidner – Der Weg durch die Türe Seite 7 von 12

© Christopher A. Weidner 2002

auf eine seltsame und beunruhigende Art und Weise nicht mehr in Ordnung sind. Das Spiel ist

zu einem Albtraum geworden.

***

Der Vergleich mit einem Albtraum ist mehr als sinnfällig: Innerhalb des Albtraumes können wir

alles Mögliche tun, um den Bedrohungen zu entgehen – wir können fliehen, kämpfen, uns

verteidigen, uns verstecken. Doch nichts von alledem wird dazu führen, dass wir unsere

Situation verändern, nämlich die, in einem Albtraum zu stecken. Es gibt nur einen einzigen

Weg, einem Albtraum zu entkommen: Aufwachen.

Ist dies die Botschaft der Opposition von Saturn und Pluto? Spitzt sie unsere Situation auf ein

unerträgliches Maß zu, bis wir nicht anders mehr können als die Wahrheit zu erkennen – eine

Wahrheit, die wir selbst schon lange zuvor konstruiert haben und die sich nun gegen uns

selbst richtet? Saturn und Pluto stoßen uns darauf, dass wir in einem Spiel gefangen sind und

dass es Zeit wird nach einem Ausgang zu suchen. Doch wo ist die Türe?

Zunächst müssen wir verstehen, dass keine Konstellation und auch nicht diese Eine, die sich

in all ihrer Bedrohlichkeit vor uns aufgebaut hat, ein Verhängnis ist. Es gibt an sich keine

guten und keine schlechten Konstellationen in der Astrologie. Natürlich erhebt sich dann die

Frage, warum wir Saturn und Pluto ausgerechnet in dieser Form zu spüren bekommen. Dies

ist eine Frage der Verwirklichungsebene, die ganz entscheidend davon abhängt, wie sie von

uns als Menschen bestimmt wird. Die Art und Weise, wie wir eine Konstellation erleben, hängt

im Wesentlichen davon ab, ob wir sie als das wahrnehmen, was sie ist: ein Potenzial, das

Chance und Herausforderung sein kann, aber eben auch Verhängnis, wenn wir nicht bereit

sind, unser Leben aktiv selbst in die Hand zu nehmen.

Das bedeutet, Saturn/Pluto nicht nur als „Schicksal“ zu begreifen, sondern auch als Chance

zur endgültigen Transformation (Pluto) der Spielregeln (Saturn). Als Chance, ein höheres

Level zu erreichen, in dem die alten Spielregeln für immer ungültig geworden sind.

Saturn/Pluto heißt nicht nur, dass wir erdulden müssen, wie unsere sozialen Strukturen und

unser Gewissen (Saturn) von der Macht (Pluto) demoliert werden, sondern wie wir die

Tatsache nützen können, dass wir in soziale Strukturen eingebunden sind, ein eigenes

Gewissen haben und jeder von uns einen Auftrag im größeren Ganzen hat, um von Innen

heraus wieder Macht über unser Leben zu erlangen.

Doch der unbewusste Umgang mit dem, was Saturn und Pluto bedeuten, hat uns in den

Glauben geführt, dass wir nichts tun können, das Alles ohne unser Zutun geschieht. Wenn wir

aber erst einmal etwas als Schicksal begreifen, dann haben wir tatsächlich keine Wahl.

Was aber wird passieren, wenn wir die Verwirklichungsebene dieser Konstellation mit ihren

erschreckenden Manifestationen nicht verlassen? Wenn wir nicht aufwachen? Offensichtlich

Christopher A. Weidner – Der Weg durch die Türe Seite 8 von 12

© Christopher A. Weidner 2002

scheint das Zusammenspiel von Saturn und Pluto sich in einen Prozess verlaufen zu haben,

den Paul Watzlawick den Mechanismus des „Mehr desselben“ nennt.

***

Stellen Sie sich folgendes Bild vor: Ein Radfahrer muss, um sein Gleichgewicht zu halten,

während der Fahrt, ununterbrochen kleine oszillatorische Gegenlenkbewegungen vollziehen.

Durch dieses unmerkliche Gegenlenken erzeugt er eine stabile Fahrtlage. Jeder aber kennt

folgendes Phänomen: Durch einen plötzlichen Eingriff gerät dieses empfindliche System aus

dem Lot – z.B. durch einen Stein, der auf der Fahrbahn liegt, sodass der Radfahrer, um nicht

aus dem Schleudern zu geraten, die entsprechende Gegenbewegung ausführen muss. Nur so

kann er die Balance aufrecht erhalten, ohne zu stürzen.

Dieses Beispiel zeigt: Je heftiger der Eingriff in das System, desto heftiger wird die

mechanisch durchgeführte Gegenreaktion sein. Wenn wir uns nun vorstellen, dass diese als

Ausgleich gedachte Gegenreaktion des Radfahrers eine noch heftigere Antwort zur Folge hat,

die wiederum eine noch heftigere Gegenbewegung verlangt, werden wir den Radfahrer bald

gehörig ins Trudeln kommen und ungeachtet seiner Bemühungen um Gleichgewicht stürzen

sehen.

Paul Watzlawick beschreibt diese Situation mit dem Bild zweier Segler auf einem Boot, „von

denen für sich und auf seiner Seite weit über Bord hängt, um das Boot im Gleichgewicht zu

halten: Je mehr der eine sich hinauslehnt, desto weiter hinaus muss sich auch der andere

lehnen, um die Gleichgewichtsstörungen ‚auszureiten‘.“ Das Ergebnis ist zwar, dass das Boot

durch diese akrobatischen Leistungen im Gleichgewicht gehalten wird, dass es aber zugleich

nicht mehr zu manövrieren ist! Damit wird das gesamte System in sich immer anfälliger für

Störungen, die von außen auf es einwirken: Der geringste Windhauch kann schon eine

Katastrophe auslösen und das Boot zum Kentern bringen. Kursänderungen können nicht

mehr vorgenommen werden.

In dieser Situation kann niemand mehr garantieren, ob das Ziel, das ursprünglich angesteuert

wurde, je erreicht werden kann. Zu sehr sind wir damit beschäftigt, den Kurs über ein „Mehr

desselben“ zu stabilisieren. Eine Möglichkeit, den Kurs zu korrigieren, haben wir nicht mehr:

Wir sind in der Situation gefangen.

„Die Lösung dieser bizarren Lage erfordert ganz offensichtlich, dass wenigstens einer der

beiden etwas scheinbar sehr Unvernünftiges tut, nämlich nicht noch mehr, sondern weniger

desselben zu tun, um nicht ins Wasser zu geraten. Auf diese Weise werden sich die beiden

schließlich wieder sicher, bequem und gemeinsam an Bord des nun stabilen Boots befinden.“

Nur so wird das Boot auch wieder lenkbar und es besteht die Möglichkeit, sich auf den Kurs

des Bootes zu konzentrieren.

Christopher A. Weidner – Der Weg durch die Türe Seite 9 von 12

© Christopher A. Weidner 2002

Saturn/Pluto scheint auf eine Strategie des „Mehr desselben“ zu verweisen: Die Lösung von

Problemen wird in einer immer heftigeren Gegenreaktion gesehen, um Macht (Pluto) zu

stabilisieren (Saturn). Das Ergebnis muss eine Katastrophe sein. Erst wenn wir aufhören,

Saturn/Pluto als überindividuelles Schicksal zu betrachten, dem wir uns wie einer Naturgewalt

nicht entziehen können, sondern verstehen, dass wir eine Wahl haben und jeder von uns eine

Antwort auf Saturn/Pluto geben kann, verändert sich die Lage. Wir müssen nur bereit sein,

etwas zu tun, was gegen die Vernunft zu sein scheint. Wir brauchen ein Wunder.

***

Angesichts der zwei Grunderfahrungen unseres Jahrhunderts, die totalitären Staatsformen

und die Bedrohung der Menschheit durch moderne Vernichtungswaffen, fragte sich die

Philosophin Hannah Arendt, ob Politik überhaupt noch einen Sinn habe oder nicht schon

längst in Sinnlosigkeit umgeschlagen sei. Angesichts der scheinbaren Ausweglosigkeit könne

eine entscheidende Änderung zum Heil nur durch eine Art Wunder geschehen. Wunder sind

gegen die Vernunft, denn sie geschehen, ohne dass sie Rücksicht nehmen auf das, was wir

für Naturgesetze halten. Wunder sind jedoch nicht zufällig: Sie geschehen nur denjenigen, die

bereit sind, dem Wunder den Weg zu ebnen.

Wir befinden uns in einer solchen Ausweglosigkeit. Wenn wir jetzt bereit sein wollen für ein

Wunder, wenn wir den Weg durch die Türe aus dem Spiel finden wollen, bedarf es einer

aktiven Haltung zur gegenwärtigen Krise. Aktiv meint in erster Linie den Einsatz eines

menschlichen Vorrechts: zu handeln. Arendt diagnostiziert: Die moderne

Massengesellschaften haben als gemeinsames Merkmal den Konformismus. Konformismus

aber verbietet aktives Handeln. An seine Stelle ist das Sich-Verhalten getreten. Sich richtig zu

verhalten, bedeutet sich die Frage zu stellen: Wie reagiere ich richtig? Im Gegensatz dazu ist

Handeln die Antwort auf die Frage: Was kann ich tun?

„Weil jeder Mensch auf Grund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling

in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in

Bewegung setzen.“ Das Handeln ermöglicht dem Menschen in die Welt eingreifen. Es ist

Ausdruck der Fähigkeit des Menschen, Neues zu schaffen und Wunder zu ermöglichen.

Arendt spricht in diesem Zusammenhang sogar vom Menschen als „Wundertäter“. Für sie ist

Handeln die menschliche Begabung Wunder zu tun, denn Handeln beinhaltet die Möglichkeit

des Anfangens, sodass man gegen alle Unwahrscheinlichkeiten Neues beginnen kann.

„Freiheit wie Unfreiheit ist ein Produkt menschlichen Handelns und hat mit der ‚Natur‘ gar

nichts zu tun“. Ähnlich können wir für die Astrologie argumentieren: Ob wir frei oder unfrei

sind, ob wir Konstellationen als Verhängnis oder als Chance erleben, hängt ausschließlich

davon ab, ob wir bereit sind zu handeln. Und zwar jeder Einzelne von uns im Einklang mit

seinem Gewissen.

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© Christopher A. Weidner 2002

***

Die Entscheidung liegt deutlich bei uns. Wenn wir uns weiterhin verhalten, dann wird uns

Saturn/Pluto erdrücken und unser Gewissen instrumentalisieren. Wir werden weiterhin

glauben, dass „Mehr desselben“ die Lösung für unser Dilemma ist. Wenn wir jedoch

Saturn/Pluto als Aufforderung zum Handeln betrachten, verändert sich die Lage: Wir erhalten

eine reale Chance, Geschichte unter der Ägide dieser Konstellation neu zu schreiben.

Wie jeder Einzelne sein Handeln bestimmen könnte, hängt im Wesentlichen davon ab, in

welcher Resonanz er zu Saturn/Pluto steht. Es ist die Stärke des astrologischen Ansatzes,

dass er uns zeigt, welche Möglichkeiten jeder Einzelne von uns hat. Wir müssen uns dann

nicht mehr damit begnügen, was „man“ tun könnte, sondern wir erfahren, was wir tun können.

Wenn wir im Horoskop betrachten, welche Lebensthemen die laufende Opposition berührt,

werden wir feststellen, dass genau diese Bereiche auch den individuellen Schlüssel zur

Handlung in sich tragen. Entscheidend aber ist, das Bewusstsein zu entwickeln und die

Erkenntnis zuzulassen, dass alle Handlungen, die von mir ausgehen, prinzipiell in der Lage

sind, die Welt zu verändern. Nur dann sind es echte Handlungen, die dem Spiel Einhalt

gebieten können und dem Wunder Raum zur Entfaltung geben.

***

Der Weg durch die Türe – er ist ein Weg, der durch die Erkenntnis führt, dass jeder Einzelne

von uns ein einzigartiges Wesen ist und einen einzigartigen Auftrag hier auf dieser Welt erfüllt.

Dieser Auftrag lebt davon, dass wir ihn mit unseren Handlungen in die Welt hinaustragen und

beginnen, die Verantwortung für die Welt, in der wir leben, nicht an andere zu delegieren,

sondern sie als persönliche Aufgabe betrachten. Der Ausgang aus dem Spiel hat eine

merkwürdige Eigenschaft: er liegt nicht am Spielrand, sondern mitten in den Spielern selbst.

Jeder ist sein eigener Ausgang aus dem Spiel. Doch dazu ist es wichtig, innezuhalten und die

Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken, um zu spüren, dass wir kraft unserer Geburt der

Anfang von etwas Neuem sind, das in der Lage ist, die Welt zu verändern.

Wenn wir dieses Wissen in uns stärken, schaffen wir die Voraussetzungen dafür, das Leben

aus der Vormundschaft von Prinzipien und Ideen zu befreien, die uns mit aller Macht

aufgezwungen werden. Dann werden wir das Gefühl, gelebt zu werden, allmählich

eintauschen gegen das Gefühl zu leben. Wir werden nicht mehr glauben, dass Geschichte

dem mechanischen Prinzip von actio gleich reactio unterworfen ist, sondern wissen, dass in

jedem Augenblick das Wunder eines Neuanfangs steckt.

***

Saturn und Pluto werden sich langsam aber sicher weiter bewegen. Die Opposition, unter

deren Signum Terrorismus eine neue Dimension erhielt, wird nach und nach ihre Exaktheit

verlieren und sich als Taktstock der Geschichte zunächst verabschieden. Aber die Spuren, die

Christopher A. Weidner – Der Weg durch die Türe Seite 11 von 12

© Christopher A. Weidner 2002

sie in uns und in der Welt hinterlassen hat, bleiben. Mit der Konstellation verschwindet nicht

die Aufgabe, die Saturn und Pluto uns gestellt haben.

Der amerikanische Denker Noam Chomsky erklärte angesichts der drohenden Eskalation der

Gewalt: „Die wahrscheinliche Reaktion der USA wird jedoch nur noch mehr Angriffe wie diese

– oder noch schlimmere – auslösen. Jetzt erscheinen die Aussichten für die Zukunft sogar

noch ominöser, als sie es vor den jüngsten Gräueltaten waren. Wenn es darum geht, wie wir

reagieren sollen, dann haben wir eine Wahl. Wir können entweder versuchen zu verstehen

oder es bleiben lassen, um damit jedoch die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass noch viel

Schlimmeres auf uns zukommen wird.“

Der erste Schritt besteht also darin, zu verstehen. Ich denke, wir müssen verstehen, dass das

Gefühl von Rache und der Ruf nach Vergeltung uns nicht aus diesem Spiel heraus führt. Dazu

ist es wichtig, dass wir innehalten und nachspüren, was wir jetzt gerade wirklich brauchen und

was wir uns für die Zukunft wünschen. Die meisten Menschen werden dann feststellen, dass

sie sich nichts sehnlicher wünschen als so elementare Dinge wie Frieden und Sicherheit, denn

Frieden und Sicherheit sind die Voraussetzung dafür, dass ich mein Leben in Freiheit entfalten

kann. Wer schließlich weiter nachdenkt, der wird in sich die Erkenntnis finden, dass

Racheakte, Vergeltungsschläge, polarisierende Worte und Feindbilder weder Frieden noch

Sicherheit schaffen werden, sondern lediglich Genugtuung. Was dann folgt ist aber nicht das

Ende des Spiels, sondern eine Fortsetzung von „Mehr desselben“: es wird Gegenreaktionen

geben, die wiederum Gegenreaktionen herausfordern. Frieden und Sicherheit aber werden

auf unabsehbare Zeit zur Utopie.

Wir sollten uns darum bemühen, den Gefühlen von Rache und Vergeltung mit Verständnis zu

begegnen. Dies ist die schwerste aller Übungen, denn es bedeutet, sich in die Situation jener

einzufühlen, die glaubten, keine andere Wahl zu haben, als ihre Bedürfnisse auf diese

entsetzliche und lebensfeindliche Art und Weise auszudrücken. Warum sahen sie keine

Alternative? Welcher Schmerz hat sie zu dieser Gräueltat getrieben, in der sie nicht nur das

Menschliche in anderen, sondern auch in sich selbst verneint haben? Wie ist ihre

Verzweiflung entstanden und wie entstand diese ungeheure Gleichgültigkeit gegenüber den

Folgen ihres Tuns?

Wenn wir auch nur ein bisschen verstehen, was diese Menschen angetrieben hat, dann wird

sich in unseren Herzen eine Türe öffnen, eine Türe hinaus aus dem Spiel. Dann können wir

weiter denken und uns fragen: Was haben wir dazu beigetragen, dass es soweit kommen

konnte? Auf welche Weise sind wir mitverantwortlich geworden für das, was geschehen ist?

Vielleicht werden wir dann feststellen, dass auch wir uns als Bestandteil des Spiels genau

nach den Spielregeln verhalten haben.

Christopher A. Weidner – Der Weg durch die Türe Seite 12 von 12

© Christopher A. Weidner 2002

Jetzt aber können wir uns überlegen, wie wir handeln, um dieses Spiel zu beenden. Wir

können uns fragen, was wir tun können, jeder Einzelne von uns, damit solche Taten in Zukunft

nicht mehr geschehen. Wir könnten damit beginnen, unsere Art und Weise zu verändern, wie

wir über die Dinge bislang gedacht haben. Wir könnten unsere Art und Weise verändern, wie

wir bislang über Andere gesprochen haben, könnten versuchen, uns bewusst zu machen, wo

wir in Gedanken, Gefühlen und Handlungen anderen Menschen das Recht auf ein eigenes

Leben abgesprochen haben und vielleicht sogar gedacht haben, dass man sie durch

Bestrafung dazu bringen müsse, genau so zu denken, fühlen und handeln wie wir selbst.

Wenn wir erkannt haben, welcher Schmerz und welche Bedürftigkeit uns selbst dazu bringen,

in anderen Menschen unsere Feinde zu sehen, die bestraft werden müssen, dann können wir

auch anfangen bei anderen dieses Verständnis zu wecken.

Der Weg aus dem Spiel heraus führt nicht durch eine globale Lösung hindurch, ein

endgültiges politisches Patentrezept, das wie so oft über die Welt gestülpt wird, und doch nur

den Interessen Weniger dient. Vielmehr geht es darum, dass wir unsere Bereitschaft zur

Veränderung der Situation aus eigenem Antrieb heraus entwickeln und andere dazu

ermutigen, das Gleiche zu tun. Schließlich könnten wir uns zusammentun und gemeinsam mit

anderen Menschen die Vision einer Welt schaffen, in der die Bedürfnisse aller Menschen

geachtet werden und Chance auf Erfüllung haben, nicht nur die einer Minderheit.

Der 11. September 2001 wird in unserem Gedächtnis bleiben. Doch an uns liegt es, an jedem

Einzelnen von uns, ob dieser Tag der Tag genannt werden kann, an dem wir aufgewacht sind.

Literaturangaben:

Arendt, Hannah: Vita activa oder vom tätigen Leben. München 1989.

Bielefeldt, Heiner, „Intellektuelle auf der Suche nach der Moral“, in: ai-Journal 4/2002.

Chomsky, Noam, "Das Verbrechen ist ein Geschenk für all jene, die nur darauf warten, Gewalt

einzusetzen", auf: http://www.uni-kassel.de/fb10/frieden/themen/Terrorismus/chomsky.html

Ouspensky, P.D., Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Bern 1991.

Silo, Die Erde menschlich machen, München 1995.

Watzlawick/Weakland/Fisch, Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels.

Göttingen 2001.

 
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