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Der Ikarus-Effekt

Die Vielfalt sexueller Lebensstile im Horoskop

Polarität als Dogma

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Christopher A. Weidner – Der Ikarus Effekt

© Christopher A. Weidner 2002

Seite 1 von 18

Christopher A. Weidner

Der Ikarus-Effekt

Die Vielfalt sexueller Lebensstile im Horoskop

(1996)

Polarität als Dogma

„Wenn ich eine astrologische Aussage zum Dogma erheben müsste, dann wäre es sicher das

Polaritätsprinzip.“1 Wie Dane Rudhyar bekennt sich von alters her bis heute die Astrologie zu der

These, jedes Phänomen sei als zweiseitige Medaille aufzufassen, in zwei sich wechselseitig

bedingende, aber gegensätzliche Pole spaltbar. Ebenso lange schon existiert die Erotisierung dieser

Gegensatzpaarung über die Begriffe „männlich“ und „weiblich“, wobei die Idee Pate stand, dass auch

die Zweiteilung der Geschlechter und ihr sexuelles Begehren auf dem Magnetismus der Polarität

beruhe.

Dahinter verbirgt sich ein mythisches Heilsversprechen: im „Verlangen nach einer Vereinigung des

männlichen und des weiblichen Pols“ erfüllt sich die menschliche Sehnsucht nach der Rückkehr in die

einstmals verlorene paradiesische Einheit, denn „in der Liebe zwischen Mann und Frau werden beide

wieder geboren“, findet die „Überwindung menschlichen Getrenntseins“ statt.2

Im Folgenden soll es darum gehen, welche Komplikationen aus diesem Dogma erwachsen, wenn man

durch die Brille eines polarisierten Kosmos auf die Vielfalt sexueller Lebensstile blicken möchte.

Beispielhaft soll in der Argumentation das Thema Homosexualität besprochen werden und gezeigt

werden, in welches Dilemma sexualisiertes Polaritätsdenken führen muss und wie es zwingend in

Diskriminierung und Ausgrenzung mündet.

"Anatomie ist Schicksal"

Es gilt: „Das Gesetz der Polarität ist das Gesetz des Lebens“3 und so soll sich dies auch in der

menschlichen Sexualität widerspiegeln, und zwar in der Polarität der Geschlechter: „Ein Mensch wird

entweder als Mann oder als Frau geboren.“4 Der nächste Schritt ist die Annahme, dass es nicht nur

eine anatomische Polarität gibt, die sich offensichtlich aus der sehr reduzierten Vorstellung von Penis

1Rudhyar, Dane, Astrologie und Psyche. Mössingen1990; S.219

2Fromm, Erich, Die Kunst des Liebens. Frankfurt/M 1994; S.56f

3Rudhyar S.64

4Rudhyar S.207

Christopher A. Weidner – Der Ikarus Effekt

© Christopher A. Weidner 2002

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und Vagina nach einem Schlüssel-Schloss-Prinzip ableitet, sondern auch eine psychische Parallele,

sprich: ein männlicher Charakter und ein weiblicher, die ebenfalls polare Eigenschaften aufweisen und

sich so ergänzen. „Anatomie wird zum Schicksal“ (Freud), denn das biologische Geschlecht bedingt

damit zugleich den Charakter eines Menschen.

Was nun als „typisch“ männlich oder „typisch“ weiblich angesehen wird, unterliegt jedoch soziokulturellen

Idealvorstellungen, die jede Gesellschaft zu ihrer Zeit und an ihrem Ort unter Verfolgung

bestimmter Zwecke als normativ konstituierte. In den Sozialwissenschaften hat sich daher heute eine

Unterscheidung zwischen dem biologischen Geschlecht (sex) und dem gesellschaftlich geprägten

geschlechtsrollentypischen Verhalten (gender) etabliert, was zunächst einen natürlichen

Zusammenhang zwischen Anatomie und Charakter infrage stellt. Auch die Humanwissenschaften, die

zwar in einigen Fällen auch heute noch der Idee vom psycho-physischem Parallelismus der

Geschlechter Vorschub leisten, können keine einheitliche Aussage formulieren, und so haben sich

alles in allem „die Anstrengungen, genetische und biologische Ursachen … für die

geschlechtstypischen Verhaltensweisen zu finden, … als fruchtlos“5 erwiesen.

In der Astrologie feiert jedoch die Formel „Körper = Charakter“ und der Rückschluss, ein

entsprechender Charakter verweise auf einen bestimmten Körper, bis heute unter folgender

Verfahrensweise fröhliche Urstände: Es werden bestimmte Eigenschaften entsprechend der

vorherrschenden Meinung zu kulturellen Idealvorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit stilisiert,

diese wiederum zur „Norm“ erhoben und als biologische Grundtatsachen in das Wesen des Menschen

eingepflanzt. Planeten oder anderen Horoskopfaktoren, die mit diesen Eigenschaften

korrespondieren, wird dann das entsprechende Geschlecht zugeordnet: sie sind in der Folge eben

entweder „männlich“ oder „weiblich“.

Schon bei Claudius Ptolemäus geht dieser Erkenntnis die These voraus, dass sich beide

Geschlechter von Natur aus auch qualitativ differenzieren ließen, wobei er der männlichen Seite die

Qualität der Hitze zuordnete, der weiblichen die des Feuchten. So kommt er zu dem Schluss, auch

Planetarprinzipien, die eher feuchte oder eher hitzige Eigenschaften verkörperten, müssten

demgemäß dem einen oder anderen Geschlecht zugewiesen werden. So weiß er, dass Mond und

Venus zu den weiblichen Gestirnen zu rechnen seien, Sonne, Saturn, Jupiter und Mars dagegen die

Reihe der männlichen Gestirne bilden. 6

Vor allem in der Partnerschaftsastrologie gewinnt dies an Bedeutung, denn Partnerschaft wird in der

Regel aus eben jenem Heilsversprechen der Geschlechterpolarität heraus begriffen. Die so „in den

5Bolz, Annette, Sex im Gehirn. Südergellersen 1992; S.183.

6Ptolemaeus, Claudius, Tetrabiblos. Mössingen 1995; S.35. Bis auf die Zuordnungen von Sonne/Mars

und Mond/Venus gibt es jedoch immer wieder unterschiedliche Auffassungen über das Geschlecht der

restlichen Planeten.

Christopher A. Weidner – Der Ikarus Effekt

© Christopher A. Weidner 2002

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Himmel“ geschriebenen normativen Eigenschaften des Männlichen und Weiblichen kehren in ihrer

Anwendung auf konkrete Figuren des Begegnungsbereiches wieder zurück. So steht „Venus im

Geburtshoroskop eines Mannes“ für das, „was er in einer Frau als idealer Geliebter sucht“, und „Mars

im Geburtshoroskop einer Frau … erklärt, was sie in einem Mann sucht“, denn „der in seiner Energie

dem Geschlecht des einzelnen antithetische Planet [wird] … gewöhnlich in zwischenmenschlichen

Beziehungen auf ein geeignetes Objekt projiziert“7. Generell gilt, dass die geschlechtstypischen

Planeten offensichtlich eine Bedeutungsverschiebung im Horoskop erfahren, je nachdem, ob der

Horoskopeigner eine Frau oder ein Mann ist.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass man den sozio-kulturellen Ursprung der Zuordnung „vergisst“

(oder ignoriert) und so die geschlechtsrollentypischen Qualitäten, die von Zeit zu Zeit und Ort zu Ort

variieren, zu Kategorien a priori werden, d.h. zu unhinterfragbaren Paradigmen, die schon vor der

kulturellen Festschreibung existierten und diese sogar bedingten. Das jüngste Beispiel hierfür ist die

Archetypisierung dieser Ideale in der Tiefenpsychologie nach C.G. , die eine nicht unerhebliche Rolle

in der Entwicklung der „modernen“ Astrologie eingenommen hat.

Norm und Anti-Norm

Nach dem Polaritätsprinzip stillt also die Vereinigung von Mann und Frau nicht nur auf körperlicher

Ebene die Sehnsucht nach Einheit, sondern auch auf seelischer. Für den Bereich der Sexualität hat

dies Konsequenzen: Da die Polarität „natürlicherweise“ nur zwischen Mann und Frau funktioniert, ist

Heterosexualität die „Norm“. Alle anderen Formen von Sexualität sind ein Widerspruch zu diesem

Naturgesetz, also „Anti-Norm“: so auch die Homosexualität, denn per definitionem kann ein Mann

(Plus-Pol) nicht magnetisch auf einen anderen Mann (ebenfalls Plus-Pol) mit Anziehung reagieren.

Abhilfe kann auch die seit Freud popularisierte These von der ursprünglich bisexuellen Veranlagung

der menschlichen Psyche nicht schaffen, auch wenn sie von zahllosen AstrologInnen immer wieder

gerne aufgenommen wird – zumeist in der Jungschen Variante von Animus und Anima. Hier geht man

davon aus, dass durch die Entwicklung des Individuums zum vollgültigen und reifen Mitglied seiner

Gesellschaft der gegengeschlechtlichen Anteil vom eigentlich zwei-geschlechtlichen Sexualtrieb

sublimiert würde. So habe ein „richtiger“ Mann zwar immer noch weibliche Anteile in sich, diese wären

jedoch ins Unterbewusste abgedrängt, sodass die männlichen Wesenszüge ungeachtet dessen am

Ende dominieren: Im Sinne der polaren Anziehungskraft der Geschlechter bleibt also durch dies

entscheidende Quäntchen mehr an Geschlecht alles beim Alten. Außerplanmäßige Effekte,

vornehmlich in der Kindheit des Betreffenden, können hingegen eine reguläre Sublimierung stören:

der Mann „verweiblicht“ bzw. die Frau „vermännlicht“ – die Jungsche „Anima-“ und „Animus-

Besessenheit“. Wiederum bleibt eine Anziehung zwischen zwei Männern oder Frauen

7Greene , Liz, Kosmos und Psyche. Frankfurt/M 1994; S.54f

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ausgeschlossen, denn diesmal stoßen sie sich auf Grund ihrer beiden zu „weiblichen“ oder zu

„männlichen“ Seele ab.

Vielleicht am drastischsten drückte dies Erich Fromm aus, wenn er in seiner Kunst des Liebens mit

unverhohlener Kälte schreibt: „Die homosexuelle Abweichung von der Norm entsteht dadurch, dass

diese polarisierte Vereinigung nicht zu Stande kommt und dass der Homosexuelle hierdurch unter

dem Schmerz der nicht aufgehobenen Getrenntheit leidet, wobei es sich im Übrigen um ein

Unvermögen handelt, das er mit dem durchschnittlich heterosexuell Veranlagten, der nicht lieben

kann, teilt.8

Homosexualität lässt sich jetzt allerdings als Inversion erklären, als „Verdrehung“ der charakterlichen

Wesenszüge des eigentlichen Geschlechtes hin zum Gegengeschlecht. Astrologisch führte dies u.a.

zu der Auffassung, dies lasse sich an Verletzungen der für die gegenpolare Anziehung zuständigen

Planeten bemessen. Auch heute noch hat sich dieses Klischee erhalten und als „Beweis“ wird die

effeminierte Tunte oder die Macho-Lesbe herangezogen. Man weiß allerdings heute ebenso gut, dass

diese extremen und daher besonders auffälligen Lebensstile nur einen verschwindend geringen

Prozentsatz der Homosexuellen ausmachen. Hier ist eine Eigendynamik im Spiel, die das Wesen des

Mechanismus von Norm und Anti-Norm ausmacht: Die Konstitution dessen, was als „Norm“ gelten

soll, hängt im Wesentlichen gerade davon ab, was als „Anti-Norm“ definiert wird. Beide bedingen

einander. Als man begann, Homosexuelle aus der „normalen“ Gesellschaft auszuschließen,

versäumte man nicht, ihnen jene Charakteristika zuzuschreiben die als der Norm komplementär

gedacht wurden. So erkannte sich der „richtige“ Mann als solcher in der Abgrenzung vom „falschen“

Mann, der in seiner Karikatur dem „weibischen“ Schwulen entsprach – immer vorausgesetzt, dass das

Komplement zu „männlich“ eben naturgemäß „weiblich“ sei. Dass viele Homosexuelle schließlich

begannen, sich mit den per Ausgrenzung verordneten Eigenschaften zu identifizieren, mag darin

begründet sein, dass die Gesellschaft zwar genügend Raster zur Entwicklung eines heterosexuellen

Bewusstseins zur Verfügung stellt und so eine reibungslose Eingliederung in das soziale Gefüge

ermöglicht, andere sexuelle Lebensstile indes ein weitaus größeres Maß an Selbst-Bewusstsein

erfordern, da sie keinen Rückhalt in vorprogrammierten Verhaltensmustern vorfinden. So bedeutet das

„Ausscheren aus den etablierten Geschlechtsgrenzen in gewissem Sinn bereits die Infragestellung der

eigenen Existenz“ 9, man gerät in eine Art Vakuum, in ein soziales Niemandsland, in dem man vor der

eigenen in Anspruch genommenen Freiheit die Courage verlieren kann und sich lieber in die

schablonierten Formen der Ausgrenzung fügt, als einen kompletten Identitätsverlust in Kauf zu

nehmen. Damit kann verdeutlicht werden, dass auch der „typische“ Schwule oder die „typische“ Lesbe

8Fromm S.57f; Hervorhebung des Autors

9Butler, Judith, Variationen zum Thema Sex und Geschlecht. In: Nunner-Winkler, Gertrud, Weibliche

Moral. München 1995; S.61

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nichts weiter als ein Produkt gesellschaftlicher Moralvorstellungen ist und nichts mit einer wie auch

immer gearteten Wesenhaftigkeit des oder der Homosexuellen zu tun haben muss.

In der Astrologie erfolgt die Argumentation bei der Beurteilung der so genannten abweichenden

Sexualitäten im Allgemeinen nach zwei Kriterien:

1. Homosexualität begründet sich aus einer fehlerhaften Polarisierung, aus einem Versagen der

Anziehungskraft, die zum Gegengeschlecht führt sollte.

2. Homosexualität ist eine Fehlentwicklung, ein Abweichen vom eigentlichen Ziel der menschlichen

Sexualität, der Heterosexualität.

Egal, wie sich dies nun nach den Vorstellungen von AstrologInnen im Horoskop niederzuschlagen

habe10, nie hat die Suche nach Indikatoren für das anti-normale Verhalten aufgehört, da

stillschweigend von der Prämisse ausgegangen wird, Heterosexualität sei die Norm und als solche

muss sie natürlich nicht im Horoskop nachweisbar sein.

Das Märchen von Mann und Frau

Wie aber ist es gelungen, Erotik und Sexualität in das Korsett der heterosexuellen Norm zu pressen?

In der Tat ist dies eine Spezialität der abendländischen Tradition, die mit der Erfindung des

Mechanismus von Norm und Anti-Norm eine Wissenschaft vom Sex eine scientia sexualis (Foucault),

errichtet hat, einer Art Geständniswissenschaft, die mit fleißiger Akribie alle Kennzeichen des

„Perversen“ katalogisiert und systematisiert hat. Die sich im 19. Jahrhundert entwickelnden Methoden

der Medizin und Psychologie lösten als „Polizei des Sexes“ das christliche Beichtverfahren ab, das

darauf ausgerichtet war, alle Geheimnisse des Sexuellen aufzuspüren und dem Menschen zu

entreißen. Der Mediziner, der Psychologe oder der Therapeut brachte den Sex im Menschen zum

Reden, erzwang seine Äußerung und interpretierte ihn gemäß dem „wissenschaftlich“ begründeten

Kanon der Normalität, um ihn dann wieder dem Wesen des Menschen einzupflanzen, der sich fortan

mit ihr zu identifizieren hatte. „Sage mir, wie du liebst, und ich sage dir, wer du bist,“ kann als Motto

dieser Prozedur aufgefasst werden, in der Sexualität und Persönlichkeit des Einzelnen verkittet

wurden. Und so kam es, dass Sexualität auch heute noch als besonders wichtiger Maßstab für die

Selbstdefinition der Menschen erachtet wird, der Sex „ist das Medium, durch das die Menschen ihre

Persönlichkeit, ihren Geschmack zu bestimmen zu suchen. Vor allem ist Sex das Mittel, mit dem die

Menschen sich ihrer selber bewusst zu sein suchen.“11

Hier schlug auch die Geburtsstunde der Homosexualität: „Als eine der Gestalten der Sexualität ist die

Homosexualität aufgetaucht, als sie von der Praktik der Sodomie zu einer Art innerer Androgynie,

10Eine zusammenfassende Auflistung findet sich bei Lehman, J.Lee, Die Deutung der Sexualität im

Horoskop. In: Tyl, Noel, Sexualität im Horoskop. Wettswil 1995; S.198f.

11Foucault, Michel, Von der Freundschaft. Berlin o.J.; S.25

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einem Hermaphroditismus der Seele herabgedrückt worden ist“, sprich: in das Modell der

Geschlechter-Polarität eingespeist wurde. „Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist

eine Spezies.“12

Dieser Diskurs wurde über den Umweg der Rezeption psychologischer Modelle in der Astrologie

verschärft. Im Rahmen der darwinistisch geprägten Psychologie musste die Heterosexualität zum

„gesunden“ Sexualziel avancieren, weil zunächst nur die Fortpflanzung mit dem Ziel der Arterhaltung

als einzig gültige Form des Sexes anerkannt werden konnte und diese bedarf nun einmal der

Kopulation von Mann und Frau. Diese Reduktion des Sexes ist jedoch nur hier legitimierbar. Trotz

vereinzelter gegenläufiger Tendenzen in der Gegenwart sind hingegen diejenigen – zumindest in

unserer Kultur – eher in der Minderzahl, die Sex nur zum Zwecke der Produktion von

Nachkommenschaft betreiben. In diesem Sinne würde nicht nur Homosexualität in den Bereich des

Widernatürlichen verwiesen, sondern jede Form nicht-koitaler Sexualpraktiken – auch unter

Heterosexuellen. Wichtigstes Argument aber ist die Tatsache, dass Menschen die Möglichkeit haben,

bewusst auf Fortpflanzung zu verzichten, ihre Sexualität ist im Gegensatz zu den Tieren unabhängig

geworden von der Arterhaltung, scheint eher einem Lustprinzip zu gehorchen als dem Zwang, die

Geburtenrate zu sichern, wie schon Freud erkannte.

Wenn dies aber so ist, dann hat menschliche Sexualität nichts mit einer biologisch verordneten

Heterosexualität, also auch nichts mit einer wie auch immer gearteten Polarität zwischen den

Geschlechtern zu tun. Das Gegengeschlecht als einzig „natürliches“ Sexualobjekt entspricht nicht der

Wirklichkeit menschlichen Sexualverhaltens. Jede Bestrebung, Sexualität dennoch an die

Notwendigkeit einer männlich-weiblichen Paarbindung zu knüpfen, muss als moralischer und damit

sozio-kulturell motivierter Versuch angesehen werden, über reduktionistische Normierung Kontrolle

über die sexuellen Beziehungen der Menschen zu erlangen.

Es ist erstaunlich, wie sich trotzdem gerade in der Psychoanalyse das Märchen von der allein selig

machenden Liebe zwischen Mann und Frau erhalten konnte, und damit die Chance vertan wurde,

Homosexualität sowie jede andere Variation des Sexuellen gleichberechtigt in die Vielfalt des Sexes

einzureihen. Und so bekennt schon Kinsey, der einen der Ersten groß angelegten Reports zur

empirisch-statistischen Erfassung menschlicher Sexualität lancierte, leicht resigniert: „Es ist ein

Kennzeichen des menschlichen Geistes, dass er in seiner Klassifizierung der Phänomene

Zweiteilungen vorzunehmen versucht. Die Dinge sind entweder so oder anders. Das sexuelle

Verhalten ist entweder normal oder abnorm, gesellschaftlich zu billigen oder abzulehnen,

heterosexuell oder homosexuell; und viele Menschen wollen nicht glauben, dass es hier viele

graduelle Unterschiede zwischen den beiden Extremen gibt.“ Und so schließt er: „Unser Denken wäre

klarer, wenn die Ausdrücke vollständig aus unserem Wortschatz verschwänden, denn dann könnte

zwischenmenschliches Sexualverhalten als Betätigung zwischen Mann und Frau oder zwischen zwei

12Foucault, Michel, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt/M 1983; S.58

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Frauen oder zwischen zwei Männern beschrieben werden, was eine objektivere Darstellung der

Tatbestände wäre.“13

Die „moderne“ Astrologie indes hält nach wie vor fest an der Polarität alles Lebendigen, was in der

letzten Konsequenz die Parallelisierung von Fortpflanzung und Liebe in ideologisch-mythischer

Überhöhung mit sich zieht – und damit die Ausgrenzung von Homosexualität als „widernatürlichen“

Tatbestand.

Und so sieht sich am Ende der Homosexuelle aus der Gemeinschaft der Liebenden ausgeschlossen.

Astrologisch drückt sich das Dilemma in der Unmöglichkeit aus, gemäß dem Prinzip der Polarität den

gegengeschlechtlichen Anteil nach außen zu projizieren, was ja als grundlegend für die Fähigkeit, sich

überhaupt in einen anderen Menschen verlieben zu können, angesehen wird, da z.B. der

homosexuelle Mann diesen verinnerlicht hat – oder mit Jung: von seiner Anima besessen ist. Damit

fallen Venus und Mond als Repräsentanten der Projektion einer Anima aus. Sollte er hingegen seinen

Mars oder seine Sonne projizieren (was auf den ersten Blick einleuchtend erscheinen mag, denn

schließlich sucht er ja einen Mann), wird auch dies nicht zum gewünschten Erfolg führen, denn ein

jeder andere homosexueller Mann hat schließlich das gleiche Problem: zu einer Anziehung kann es

nicht kommen, weil sich gleichnamige Pole eigentlich abstoßen …

Fazit: Die Kategorien einer männlich-weiblichen Polarität als Basis von Begegnungsfähigkeit kann auf

Homosexualität nicht angewandt werden. Daraus ließen sich zwei Schlüsse ziehen: Entweder sind

Homosexuelle eben nicht liebesfähig – oder das Polaritätsmodell ist einfach falsch.

Die "Polizei des Sexes"

Wer in der Astrologie die Polarität des Geschlechtlichen propagiert, muss sich den Vorwurf der

Diskriminierung gefallen lassen. Und es nützt in meinen Augen nichts, sich mit schein-toleranten

Lippenbekenntnissen aus der Affäre zu ziehen. Dies bezeugt nichts weiter als die Unfähigkeit, sich

außerhalb der dogmatisierten Grenzen des bereits Gedachten zu bewegen. So retten viele

AstrologInnen mehr oder weniger gewollt die vormodernen Prinzipien der Ausgrenzung und

Stigmatisierung des Anderen in eine Zeit hinüber, welche die Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt

mehr als nötig hat.

Zwei Beispiele sollen dies illustrieren:

In ihrem Buch Kosmos und Psyche bezeichnet Liz Greene Homosexualität als „das Ergebnis einer

vollständigen Verdrängung unbewusster Figuren, die … antagonistisch reagieren und das

Bewusstsein überwaÅNltigen, wenn das Ich sie arrogant oder verächtlich behandelt14. Sie rekurriert auf

die Jungsche Archetypenlehre, die in diesem Zusammenhang – wie bereits zuvor angedeutet – nichts

13zit. nach Altendorf, Marion, Bisexualität. Pfaffenweiler 1993; S.73

14Greene S.139

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weiter darstellen kann, als ein System, dass sozio-kulturelle Allegorien und Symbole in den Bereich

des Instinkthaften verweist und Archetypen als der individuellen Gestaltungsfähigkeit entzogene

Realia in einem kollektivem Unbewussten archiviert sehen möchte, eine Art Buchhaltung der

Traumsymbole also. Den Mythen wird damit eine deterministische Komponente zugebilligt, die

menschliches Dasein in außerhalb von Zeit und Raum angesiedelten Konstanten aufschlüsseln

möchte: Egal, was wir tun, egal was wir wollen – die Archetypen sind stets vor uns da. Dies macht die

Verwendung von Begrifflichkeiten wie Animus und Anima besonders zweifelhaft, die augenscheinlich

auf wunderbare Weise mit dem gesellschaftlichen Kanon der damaligen Zeit korrespondieren. Ebenso

wie Fromm hält Greene Homosexuelle für nicht liebesfähig, wenn sie Jung zitiert: „… Animus und

Anima [können] nur durch die Beziehung zum Gegengeschlecht [realisiert werden], weil ihre

Projektionen nur dort wirksam sind.“15

Eher entwicklungspsychologisch orientiert baut Brigitte Hamann in Lebensmuster ihre Argumentation

auf der Behauptung auf, Homosexualität entstehe „aus einer inneren Desorientierung heraus …“ Sie

sei „weniger echter, geschlechtlicher Antrieb als ein Mangel an Eindeutigkeit“16. Ursächlich ist ihres

Erachtens der Rollentausch der Eltern, d.h. „wenn die Mutter archetypisch männliche Qualitäten

ausdrückt“ und „Väter … Eigenschaften, die der archetypischen Mutter zugeordnet sind“ verkörpern.

Neben dem standardisierten Rückgriff auf archetypische Ideale, besteht sie auf einen Körper-Seele-

Parallelismus, der den Menschen und seinen Charakter sogar bis auf seine Genitalien reduziert sehen

möchte: „Der Mann [stellt] auf Grund seiner Physis das Prinzip der Penetration, der Eroberung, der

Durchsetzung und Selbstbehauptung [dar], während die Frau durch ihren Körper das In-Sich-

Aufnehmen, eine gewisse Passivität und die Fähigkeit symbolisiert, Gefühle zuzulassen …“ Das

„Mischen“ von „Physis und Charakterausdruck von gegensätzlicher Qualität“ führt zu einer

„Geschlechtsrollenirritation“, „bei der das Kind nicht eindeutig erfahren kann, welchem Geschlecht es

angehört.“ Und so wird „ein ,unmännlicher‘ Mann … zum Mann, wenn er mit einem anderen Mann

zusammen ist“, denn im Grunde ist „das Zusammensein mit einem Menschen gleichen Geschlechts

oft einfach nur eine Suche nach sich selbst.“17

Ob nun – wie an diesen zwei Beispielen ausgeführt – Homosexualität eine arrogante Missachtung

archetypischer Regelmechanismen oder einfach mangelnde Lebensorientierung mit narzisstischen

Tendenzen darstellt: In jedem Fall wird sie nicht als gleichwertige Form der Sexualität angesehen,

geschweige denn mit „echter“ Liebesfähigkeit gleichzusetzen erachtet. Es sei nicht in Abrede gestellt,

dass sich viele AutorInnen des Dilemmas bewusst sind, in das man sich hineinmanövriert, wenn unter

Beibehaltung des Polaritätsprinzips Homosexualität einer astrologischen Analyse unterworfen wird.

Wenn man jedoch Toleranz und Akzeptanz für sich in Anspruch nimmt, kommt man nicht umhin zu

15Greene S.142

16Hamann, Brigitte, Lebensmuster. Wettswil 1994; S.112

17Hamann S.62f

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erkennen, dass innerhalb des Polaritätsmodells kein anderer Schluss als die Diskriminierung von

Homosexualität möglich ist.

Abschied von der Wahrheit

Hier erhebt sich die Frage nach Alternativen. Da die bisherigen Ausführungen zunächst darauf

abzielten, ein Bewusstsein für die aus dem Polaritätsdenken resultierenden Diskriminierungen zu

schärfen, möchte ich als ergänzenden Ausblick Mariana Valverde zitieren:

„Männer und Frauen reagieren nicht wie Metallsplitter auf einen Magneten, auch die Bilder von

Schlüssel und Schloss, Topf und Deckel und wie die funktionalistischen und fatalistischen Metaphern

alle heißen mögen, passen nicht. Sie versuchen, Heterosexualität als die Norm darzustellen, indem

sie suggerieren, es handle sich um ein von der Natur auferlegtes Schicksal. Heterosexualität ist nicht

Schicksal. Sie ist eine Wahlmöglichkeit – oder, genauer gesagt, sie wäre eine Wahlmöglichkeit, wenn

unsere Gesellschaft pluralistischer und weniger rigide wäre in der Bereitstellung sexueller

Alternativen.“118

Bevor also andere Modelle zur Sprache kommen können, muss sich ein Wandel in den

Denkstrukturen von totalitären Einheitswünschen hin zu Pluralismus und Vielfalt vollziehen.

Das Ergebnis der vorliegenden Ausführungen kann wie folgt zusammengefasst werden:

1. Homosexualität hat nichts mit einer wie auch immer gearteten mangelhaften Polarisierung zu tun,

denn das dieser Vorstellung zu Grunde liegende Polaritätsmodell kann als sozio-kulturelle Struktur

entlarvt werden. Das Postulat eines „Natürlichen“ an Männlichkeit und Weiblichkeit kann als Irrtum

bezeichnet werden, der zwingend auf Diskriminierung hinausläuft. In der Konsequenz müssen wir

bei der Beschreibung von Partnerschaftsthemen auf kategorische Verwendung von „männliche“

und „weibliche“ Parameter verzichten.

2. Homosexualität lässt sich demgemäß auch nicht als eine Abweichung von einer „natürlichen“ Norm

beschreiben, da diese für die menschliche Sexualität nicht aufgestellt werden kann. Folglich

müssen alle Versuche, Determinanten für eine sexuelle Fehlentwicklung im Horoskop zu finden,

ebenso als Irrtum angesehen werden, da sie von einer falschen Voraussetzung ausgehen.

Am Ende müssen wir uns – wohl oder übel – von jedem Versuch verabschieden, die eine Wahrheit

vertreten zu können, denn „das Produktive ist nicht sesshaft, sondern nomadisch!“ (Foucault)

L‘âme n‘a pas de sexe

Ich schließe die Notwendigkeit aus, vom körperlichen Geschlecht auf ein inneres Geschlecht zu

schließen und Sexualität so auf der Basis einer gegengeschlechtlichen Anziehungskraft zu definieren.

L’âme n’a pas de sexe, die Seele hat kein Geschlecht, und das, was als „typisch“ männlich oder

weiblich gilt, sind kulturspezifische Parameter, die über die Eingliederung des Einzelnen in die sozio-

18zit. nach Altendorf S.68

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kulturelle Gegenwart in die Psyche des Menschen eingepflanzt werden. Damit entferne ich mich von

der allgemeinen Annahme, Anatomie sei Schicksal und es gebe einen natürlichen wesenhaften

Unterschied zwischen Mann und Frau, sondern überantworte dies gesellschaftlichen Prozessen.

Innerhalb dieser Prozesse spreche ich von den Mechanismen von Norm und Anti-Norm, d.h. davon,

wie die Konstituierung dessen, was als „normal“ im Verhalten erachtet wird, dasjenige ausgrenzt, was

geforderten Regeln und Paradigmen nicht entspricht, um in Art einer Rückkoppelung wiederum das zu

beschreiben, was sich innerhalb des Gewöhnlichen zu befinden habe. Strategie dieses Mechanismus

ist es nicht, mit Repression und Verboten zu arbeiten, sondern mittels Definitionen Gewohnheiten zu

produzieren, wodurch Merkmale festgelegt werden, anhand derer jemand als zur Gesellschaft gehörig

erkannt wird oder eben nicht.

Für die Sexualität liegt die positive Norm in der Heterosexualität festgeschrieben, die sich zwar vom

Fortpflanzungsdispositiv fortbewegen konnte, es jedoch (noch) nicht überwunden hat. So erscheinen

alle anderen Sexualstile als ins Negative polarisierte Gegensätze zu dieser Norm, als Störungen und

Abweichungen vom „Natürlichen“, obwohl im Rahmen der von mir vertretenen Anschauung

Heterosexualität lediglich eine Wahlmöglichkeit unter vielen vertritt, eine solche Gewohnheit darstellt.

Für die Astrologie ließ sich feststellen, dass die Dogmatisierung bestimmter „Gesetzmäßigkeiten“ wie

der Polarität alles Lebendigen und ihre Sexualisierung über das Konstrukt „Männer und Frauen ziehen

sich an“ eben jenes Perpetuum Mobile des Diskriminierens und Ausgrenzens verursacht.

In Fortsetzung dieser Ideen muss für die Astrologie weiterhin formuliert werden, dass es weder

spezifisch männliche noch weibliche Planeten oder Tierkreiszeichen geben kann, sondern das die

Zubilligung dieser Attribute kulturellen Konventionen entspricht und die Wirklichkeit des Sexes nicht

mehr trifft.

Zur Beschreibung von Sexualität müssen andere Interpretationsmuster in Kraft treten, die bewusst auf

Feminismen und Maskulinismen verzichten. Auf der Suche nach diesen Mustern lancierte ich vor

einiger Zeit eine Studie, in der ich Horoskope von Menschen mit homosexuellen Erfahrungen

sammelte und auswertete. Meine nun folgenden Ausführungen beruhen auf dieser Studie und die von

mir im Folgenden beschriebenen Phänomene sind ein Produkt der Auseinandersetzung mit von der

Norm abweichender Sexualstile.

Die Masken des Sexes

Es stellt sich die Frage: was ist Sexualität dann und wo im Horoskop lässt sie sich demgemäß

lokalisieren. Auf die erste Frage lässt sich nicht mit einer Definition antworten: Sexualität scheint

jeweils das zu sein, was wir dafür halten – und dies entspricht exakt dem Spiegelbild dessen, was sich

als gesellschaftlich normativ zu seiner Zeit durchsetzt. Wir können lediglich versuchen zu beschreiben,

welche grundlegende Auffassung spürbar geworden ist, welche Wirklichkeit Sexualität im Hier und

Jetzt angenommen hat, in welcher Maske sie uns jetzt begegnet. In der Tat finden wir keine allgemein

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gültigen Modelle mehr vor (auch wenn diese als solche ausgegeben werden), sondern eine Pluralität

an Modellen, die auf individuell konstruierten Wirklichkeiten aufbauen. Darin steckt die Antwort auf die

zweite Frage, wenn weder Planeten noch Tierkreiszeichen für sich genommen eine sexuelle Natur in

sich tragen.

Das Individuellste und Eigenste am Horoskop jedes Menschen ist die Häusersstruktur, da sie die

maximale Raum-Zeit-Spezifität19 besitzt, d.h. nichts ist spezifischer in seiner Auswirkung auf den Ort

und den Zeitpunkt als die Bewegung der Häuserspitzen auf Grund der Geschwindigkeit. Daher

erhalten sie die Priorität bei jeder Betrachtung von Phänomenen auf der Ebene individueller Existenz.

In diesem Sinne können nicht einzelne Planeten für Sexualität zuständig sein – wie z.B. Venus und

Mars –, sondern in erster Linie die Planeten, die das infrage stehende Haus beherrschen oder in

diesem platziert sind.

Lust versus Treue

Im Allgemeinen wird in der Diskussion um das für sexuelle Themen zuständige Haus der interpretative

Fokus entweder auf die Inhalte des 8. und/oder des 5. Hauses gerichtet.

Das 8. Haus aber sollte stets in seiner Stellung innerhalb des dritten Quadranten betrachtet werden,

und als solches gehört es dem Bereich der Begegnung an, in dem Inhalte aus dem unmittelbaren und

mittelbaren Umfeld auf den Geborenen zufallen, im Sinne einer Bewusstwerdung und Integration in

das eigene Dasein. Richtiger wäre es, hier das Thema der Partnerbindung anzusiedeln, d.h. die

Kriterien, die mich als Einzelwesen dahingehend bestimmen, mir diese und nicht jene Person

auszuwählen.

Sexualität jedoch im Sinne eines schöpferischen Aktes, der an keine Form von Moral gebunden ist,

sondern sich selbst genügend dem Drang nach Ausleben von Lust und Eigenart nachkommt, ist

Angelegenheit des 5. Hauses. Hier erlebe ich den Sex als Teil meines Wesens, hier handle ich „so

strikt wie nur immer möglich als ein Individuum“20 – ungeachtet der Konsequenzen, die sich aus

reglementierenden oder kontrollierenden Einflüssen von außen ergeben. Es ist das Haus der EMotion,

des sich Hinaus-Bewegens, hier soll die Sonne als Repräsentantin meines Wesens

ungehindert ihre Leuchtkraft entfalten und in den Raum abstrahlen. Da dies der Wirklichkeit des Sexes

in unserer Zeit näher kommt als das alte, mit Haus 8 korrelierende Allianzdispositiv, worunter die

Verschmelzung von Ehe und Liebe unter den Zeichen christlicher Ethik und gesellschaftlicher

Kontrolle zu verstehen ist, setze ich hier das Epizentrum der Sexualität im Horoskop an.

Das Dilemma zwischen Sex und Partnerwahl, zwischen Lust und Treue, wie es gerade heute in seiner

Unvereinbarkeit immer spürbarer geworden ist und seine astrologische Formulierung in der Quadratur

19vgl. Roscher, Michael, Praxis der Horoskopinterpretation. München 1992; S.63ff

20Rudhyar, Dane, Das astrologische Häusersystem. Reinbek bei Hamburg 1992; S.91

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von Haus 5 und Haus 8 findet, bleibt zwar bestehen, doch scheint es für das Erleben von sexueller

Identität nicht mehr ausschlaggebend zu sein. In der Regel haben sich das Sprechen über Sexualität

und Partnerschaft entkoppelt, nicht zuletzt im Zuge der sog. „Sexuellen Revolution“. Wir definieren uns

als sexuelles Wesen nicht mehr über den Partner, sondern als indivdiuelle Einheit.

Die heutige heterosexuelle Partnerschaft vollzieht daher wie keine andere zuvor einen Spagat

zwischen den Erfahrungsbereichen des 8. und des 5. Hauses: Sie muss eine leidenschaftliches,

sexuelles Moment erfüllen wie auch ein „asexuelles“, verbindliches. Sie muss den Ansprüchen der

Liebe, Ehe, der bürgerlichen Kleinfamilie als steten Ausgleich zum öffentlichen Leben gerecht werden

(Haus 8), zugleich jedoch auch die proklamierte Sprengkraft des Sexuellen integrieren (Haus 5), die

sich nach populärer Anschauung so gar nicht fesseln lassen möchte. Das Ergebnis ist auf der einen

Seite die stetige Fluktuation im Bindungsbereich – die „Fick-und-Ex-Gesellschaft“ (Botho Strauß) –

und auf der anderen Seite die Zunahme an Erlebnisfülle und Gestaltungsvielfalt.

Wie bereits erläutert, kann jedoch die Frage nach Homosexualität bestimmende Faktoren im

Horoskop nur auf der Grundlage der Annahme beantwortet werden, es handle sich hierbei um eine

Störung im „normalen“ Sexualverhalten. Da sich keine der bereits von anderen Seiten propagierten

Konstellationen als signifikant erwiesen haben bzw. auf der unkritischen Übernahme

vorurteilsbesetzter Gemeinplätze basieren, müssen sie als der gegenwärtigen Fragestellung

inadäquat abgelehnt werden.

Sexualität ist nicht Privatsache

Da mein Augenmerk der gesellschaftlichen Produktion von Sexualität gilt, d.h. ihrer Definition über

sozio-kulturelle Paradigmen, musste ein anderer Zugang zum Horoskop denkbar gemacht werden,

der sich nicht ausschließlich darauf konzentriert, den Sex in den Bereich des Instinktiven und Privaten

zu verweisen. Gerade heute erfüllt sich Alfred Adlers These von einst „Sexualität ist nicht

Privatsache“21 – wenn auch unter völlig umgekehrten Vorzeichen. Wie in keiner Zeit zuvor ist es die

Öffentlichkeit, die unser Bild vom idealtypischen Sex prägt, und innerhalb der Medien –insbesondere

in der Werbung – werden unsere Wünsche und Vorstellungen über uns als sexuelle Wesen geboren.

Damit ist unser Sex weder als privat noch in irgendeiner Form „rein natürlich“ aufzufassen.

Der Schlüssel zu diesem Phänomen liegt astrologisch in der Konfrontation des 5. Hauses mit dem

oppositionellen 4. Quadranten, jenem Bereich des Horoskops, der dem sozio-kulturellen Rahmen

zugeordnet werden kann und der m.E. wie kein anderer sowohl unser Verhalten (2. Quadrant), unser

Bewusstsein (3. Quadrant) als auch unseren Körper (1. Quadrant) interaktiv bestimmt.

Ich gehe davon aus, dass das Individuum nicht, wie oft dargestellt, in einer platten Opposition zu den

übermaÅNchtigen gesellschaftlichen Kräften gesehen werden muss, was im Falle der Sexualität zu den

21Adler, Alfred, Praxis und Theorie der Individualpsychologie. Frankfurt/M 1984; S.196

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Mythen um die befreiende Triebkraft des Sexes als „natürlichen“ Kontrapunkt zu den restriktiven

Verbotsmechanismen der Kultur geführt hat. Hier liegt das Missverständnis: Wir glauben zwar, Sex sei

das „Natürlichste“ auf der Welt und setzen uns damit in eine Opposition zur Gesellschaft, weil wir

unsere Individualität mit unserem Sex verbunden wissen wollen und das Ausleben von Sex uns fast

schon wie eine Revolte der „Triebe“ gegen die Allmacht des Systems erscheint. Es lässt sich jedoch

auch denken, dass dieses System die Triebgläubigkeit in unser Selbstverständnis installiert und, um

sie für seine Sache nutzbar zu machen, zu einem machtstrategischen Kontrollmechanismus

umfunktioniert hat. Zu wenig Aufmerksamkeit wird den Prozessen geschenkt, die unser Wissen um

den Sex als ein sozio-kulturelles Konstrukt enttarnen, als ein Produkt des vorherrschenden

Zeitgeistes.

Der 4. Quadrant kann als Sphäre dieses Zeitgeistes betrachtet werden, von der die Kraftlinien verfolgt

werden können, die unser ganzes Dasein in die vorgefertigten Strukturen der Kollektivität zu binden

suchen. Dabei vollzieht sich dieser Effekt nicht über das laute Proklamieren von Tabus, sondern über

den stummen Weg dessen, was ich den „Blick von Außen“ nennen möchte.

Der Blick von Außen

Seine Aufgabe ist es, uns mit dem Faktum des „Anders-Seins“ zu konfrontieren, uns mit den

Definitionen der „Norm“ vertraut zu machen, indem er uns die „Anti-Norm“ vor Augen hält. Wir wissen

z.B. dass wir heterosexuell sind, weil wir wissen, dass wir nicht homosexuell sind (so wie wir wissen,

dass wir „gesund“ sind, weil wir nicht „krank“ sind).

Norm und Anti-Norm sind Gegenstand des vierten Quadranten und hier insbesondere dargestellt

durch das Wechselspiel zwischen 10. und 11. Haus, die mundan Saturn und Uranus zugeordnet

werden. Die normative Verbindlichkeit setze ich in das 10. Haus: Hier sind alle gleich im Angesicht der

monumentalen Spielregeln der Kultur. Im 11. Haus dagegen zeigen sich unsere Möglichkeiten, sich

von der Masse unserer Mitspieler abzuheben, indem individuelle Maßstäbe zum Ausdruck gebracht

werden und auf gesellschaftlicher Ebene nach Gültigkeit drängen. Da sich die Norm über die Anti-

Norm zu bestimmen sucht, lokalisiere ich die Wirkung des Blicks von Außen im 11. Haus, welches

über die mundane Opposition einen direkten Bezug zum 5. Haus aufweist.

Das Große Kreuz

Im Laufe unseres Lebens übernehmen verschiedene Instanzen die Rolle, über den korrigierenden

Blick von Außen uns mit den Mechanismen von Norm und Anti-Norm zu betrauen. Ziel scheint, diesen

Blick so in uns zu etablieren, dass wir nicht mehr eindeutig bestimmen können, welche unsere

eigenen Ansichten und welche diejenigen sind, die uns kulturell eingeflößt werden. Der Blick von

Außen mustert uns, überprüft uns und überwacht uns, er kritisiert uns ständig und bringt uns dazu, alle

unsere Wesensmerkmale mit den Konventionen zu vergleichen und gegebenenfalls zu konformieren.

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Zum ersten Mal geschieht dies bei der Geburt: Hier ist es der Arzt, der auf uns blickt, unsere Anatomie

begutachtet und feststellt, ob wir männlichen oder weiblichen Geschlechts sind. In den Worten

astrologischer Dynamik spielt sich dies in der Quadratur von 11 nach 2 ab. Unser Menschsein ist

damit bereits sexuell präjudiziert: Bestimmte Geschlechtsrollen erwarten uns nun, in die wir uns

erwartungsgemäß einzufügen haben. Unsere Eltern übernehmen die Kontrolle über den Blick von

Außen. Sie tragen Sorge dafür, dass unsere Entwicklung inhaltlich den Normen entspricht und unser

Verhalten sich innerhalb gesellschaftlicher Billigung bewegt. Dabei unterliegen sie ebenso diesem

Blick, der ihnen ganz klare Vorgaben macht, was in jedem Fall nicht sein darf bei der Ausbildung der

Charaktermerkmale ihrer Kinder. Diese Prozesse erkennen wir in der Dynamik der Beziehung von

Haus 11 und 5. Hier schließlich beginnen auch in verstärktem Maße die Muster des „rechten“

sexuellen Verhaltens zu greifen, sichtbar am Argwohn vieler Eltern, ob sich ihr Kind „normal“

entwickeln wird, aus Angst, sich eines Tages mit dessen Homosexualität konfrontieren zu müssen

(„Was werden bloß die anderen sagen“). Danach hat sich in der Regel eine sexuelle Identität

herauskristallisiert, und endlich im Wechselspiel zwischen Haus 11 und 8 geht es bei homosexuellen

wie auch bei heterosexuellen Bindungen nur noch darum, den Partner zu finden, der mit den

Wünschen konform geht (a) in punkto körperlicher Attraktivität und/oder existenzieller Absicherung (2

↔ 8) und (b) in punkto Sexualharmonie (8 ↔ 5).

Die Vernetzung der Häuser 2-5-8 mit dem omnipräsenten Haus 11 bedingt, dass wir in jedem dieser

Lebensbereiche dem Missverständnis unterliegen, unsere Wünsche und Bedürfnisse für die eigenen

zu halten, an Stelle sie als machtstrategische Produkte unserer sozio-kulturellen Existenz zu

betrachten.

Im astrologischen Sinne erhalten wir über die Ausführung dieser Gedankengänge das Große Kreuz

der fixen Häuser als maßgeblich unseren Sexualstil prägendes Muster im Horoskop.22

22Auch Noël Tyl begreift das Kreuz der fixen Häuser als „sexuelle Matrix“. Jedoch verfolgt er die These

von der Repression der Instinkte, wodurch die Bedeutung von Haus 11 weniger gesellschaftliche

Dimensionen annimmt. (vgl. Tyl, Noël, Sexualität im Horoskop. Wettswil 1995; S.21)

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Abbildung 1: Der Zyklus der fixen Häuser

Das Talent zur Anti-Norm

Im Laufe des individuellen Werdegangs können nun bestimmte Individuen die Möglichkeit entwickeln,

sich entgegen der Formatierung durch die Norm zu bewegen: sie besitzen eine Art „Talent“ zur Anti-

Norm. Es sei wiederholt zu beachten, dass es sich hier keineswegs um typische Inhalte handelt,

sondern stets wird das als Anti-Norm interpretiert, was einer Gegenbewegung zur Norm entspricht.

Homosexualität ist demnach nur dann Kennzeichen einer Anti-Norm, wenn die Norm Heterosexualität

ist. In Zeiten, in denen man die Kriterien sexueller Identität nicht mehr für die individuelle Existenz als

bedeutsam erachtet, würde sich eine entsprechende Fragestellung gar nicht mehr erheben.

Entscheidend ist, wie wir mit dieser Konfrontation umzugehen bereit sind: hier liegt der Freiraum

individueller Gestaltung. Hetze ich dem Terror der Ansprüche des „Normalen“ nach, verharre somit in

den passiven Rolle des Norm-Empfängers, oder wandle ich meine „Fehler“ in „Tugenden“ und setze

sie an Stelle des sozio-kulturellen Erbes als Verhaltensmaßstab ein.

Ein Individuum, ausgestattet mit eben jenem Talent, hat nun in besonderem Maße die Freiheit zur

Wahl, sich entgegen den ausgetretenen und daher sicheren Wegen der Konventionalität zu entfalten.

Es handelt sich jedoch um eine Chance, die sich auftun kann, sich aber eo ipso noch nicht

verwirklichen muss. Erst die Aufgabe jeglicher Identifikationsprämissen ermöglicht mir ein Aussteigen

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aus dem Zwang, sich über sexuelle Parameter zu definieren. Astrologisch symbolisiert der Übergang

vom 11. zum 12. Haus – die Ablösung Uranus’ durch Neptun – die völlige Entbindung des

Individuellen von den Wertmaßstäben seiner Gesellschaft und das Aufbrechen zu neuen Idealen

jenseits überkommener kulturspezifischer Parameter.

Ebenso wenig kann die Verwirklichungsebene mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit festgelegt

werden, doch weisen die Ergebnisse meiner Studie auf eine ganz bestimmte Konstellation hin, die

sich zumindest für die Entwicklung eigener Sexualstile und hier wiederum in der von mir sondierten

Generation auf Homo- und/oder Bisexualität bemerkbar macht.

Eine Studie

Die Daten der Studie basieren auf den von mir oben angeführten Kriterien, d.h. sie konzentrieren sich

auf die Häuserherrscher des 5. bzw. 11. Hauses und auf die Position von Planeten in den Häusern 5

und 11. Über eine Zeitungsannonce aufgerufen stellten ca. 250 Personen ihre Geburtsdaten zur

Verfügung, berücksichtigt wurden jedoch nur 189, die eine standesamtliche Geburtszeit vorlegten.

Zusätzlich wurden in die Bilanz Horoskope bekannter Persönlichkeiten aufgenommen, sofern sie nach

der Klassifikation des IHL der Gruppe 1 entsprachen und ihre Homo- oder Bisexualität allgemein

bekannt und durch persönliche Statements untermauert ist. Dadurch konnten 67 weitere Horoskope in

die Studie einfließen. Insgesamt liegen also 256 Fälle vor. Im Rahmen der Auswertung wurden 27

Personen zu einem Interview eingeladen, um theoretische Konzepte zu überprüfen. Diesen Interviews

ist es in erster Linie zu verdanken, dass die oben ausführlich dargestellte Theorie formuliert werden

konnte.

Es wurde zur Erhebung der nachfolgenden Daten auf eine Unterscheidung von Homo- und

Bisexuellen verzichtet, da sich hinter beiden Begriffen m.E. dasselbe Phänomen verbirgt, auch wenn

sich tatsächlich Unterschiede in der Horoskopstruktur bemerkbar gemacht haben, die jedoch nicht

unmittelbar mit der sexuellen Identität zu tun zu haben scheinen. Der geringere Anteil von Frauen

gegenüber Männern (ein Drittel gegenüber zwei Dritteln) konnte nicht ausgeglichen werden, sodass

Spekulationen über einen etwaigen Unterschied zwischen lesbischen und schwulen Sexualstilen

ausgespart werden mussten.

Das Ergebnis lieferte eine deutliche Dominanz von Sonne/Uranus-Konstellationen in Bezug auf das 5.

Haus gegenüber allen anderen möglichen Konstellationen, was exakt die von mir postulierte Dynamik

zur Entwicklung sexueller Identitäten widerspiegelt. Selbst wenn ich alle möglichen Konstellationen

der Horoskope gemäß Häuserherrscher und Planetenposition berücksichtigte, erhielt ich für die

Gesamtzahl ein deutliches Übergewicht von Sonne/Uranus.

Sonne/Uranus stellt für mich in diesem Zusammenhang das „Talent“ zur Anti-Norm dar als

Voraussetzung, sich im Lebensbereich der Sexualität Gegenstile zu vorherrschenden Mythen zu

entwickeln.

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Der Ikarus-Effekt

Aus mytho-poetischer Sicht ergeben sich interessante allegorische Bezüge zur Sage von Ikarus,

weswegen Sonne/Uranus auch als die Ikarus-Konstellation23 bezeichnet werden kann:

Ikaros, der Sohn des Daidalos, muss mit seinem Vater vor dem König Minos von der Insel Kreta

fliehen. Daidalos hat für sich und seinen Sohn Flügel aus Federn und Wachs gebaut, mit deren Hilfe

ihnen die Flucht über die Luft gelingt. Doch Ikaros missachtet den Rat seines Vaters und steigt aus

Freude am Fliegen zu hoch hinauf, sodass die Sonne das Wachs seiner Flügel schmilzt und er

kopfüber ins Meer stürzt und ertrinkt.

Ungeachtet des moralinsauren Schlusses dieser Fabel, können wir in Ikaros das allegorische Prinzip

der Anti-Norm erkennen und in seinem Vater Daidalos den erhobenen Zeigefinger der Norm, nicht den

„rechten“ Pfad zu verlassen. Damit können wir Ikaros astrologisch Uranus zuordnen, Daidalos Saturn.

Ikaros jedoch stellt über die seine Selbstentfaltung beschränkenden Notwendigkeiten die einfache

Lust, sich auf den eigenen Schwingen der Freiheit zur Sonne zu erheben, dar – in meinen Augen

sinnbildlich der Aufstieg zur Individualität. Die Konsequenzen werden in Kauf genommen, die

Unterbindung eigener Bedürfnisse zu Gunsten eines gemeinsamen Zieles abgelehnt. Die Sonne,

ursprünglich Sinnbild des Göttlichen Willens, ist nicht mehr Verpflichtung, sondern Ziel, das

Individuum macht seinem Schöpfer als Schöpfer seiner Selbst den Posten streitig.

Die Situation des Homosexuellen ist ähnlich: Während andere Menschen niemals die Notwendigkeit

empfinden, sich von der sexuellen Norm zu entfernen, stellt sich für diese auch nicht die Frage nach

den Konsequenzen des Andersseins. Menschen, die sich anderen Sexualstilen zuwenden, wird

jedoch ein weitaus höheres Maß an Bewusstwerdung der Risiken abverlangt, oder anders

ausgedrückt: Da sie nicht auf den Rückhalt gesellschaftskonformer Mythen bauen können, müssen sie

sich eigene Mythen konstruieren, um sich ihres anti-normalen Verhaltens sicher sein zu können.

Genau dies jedoch wird vom System selbst übernommen, die Mythen um die Homosexualität sind

vorkonstruiert und damit führt jedes „Coming-Out“ im Grunde – so viel persönliche Überwindung es

auch kosten mag – wieder in den Schoß konventioneller Regelmechanismen, astrologisch: Der

Höhenflug des Uranus findet sein Ende in Erfüllung der saturninen Warnung, wer vom Wege

abkommt, findet sich im Getto der Anti-Norm wieder.

Nein zum König Sex

Die gesellschaftlichen Mechanismen, welche die „Wahrheit“ über den Sex produzieren und in ihre

Machtstrategien einzubinden vermochten, finden ihren sozio-kulturellen Ausdruck im Horoskop. Ich

23Schon bei Michael Roscher findet sich diese Bezeichnung für SO/UR, jedoch in einem anderen

Kontext. (vgl. Roscher, Michael, Kritische Grade in der Prognose, Nürnberg 1994. S.54 und 104. Dort

„Ikarusgrad“)

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wollte von der ermüdenden Diskussion um den „Aufruhr der Triebe“, die solange die Welt der

AstrologInnen bewegt hat, abweichen und – um mit Foucault zu sprechen – „die Kulissen ein bisschen

umstellen“, um anderen Zusammenhängen Raum zu schaffen, die m.E. weitaus stärker unsere

sexuelle Identität prägen. Meine Arbeit gleicht eher einem Perspektivenwechsel, der aus der

fatalistischen Gläubigkeit an den Menschen als Instinktmaschinerie fortführen und neue gangbare

Wege zur Überwindung all dessen zeigen soll, was dazu gedacht ist, Menschen voneinander zu

trennen anstatt ihre Gemeinsamkeiten zu betonen. Wie sich die Diskussion um Homosexualität und

alle anderen Sexualstile entwickeln mag, wissen wir nicht. Doch jetzt schon zeichnen sich – wenn

auch in ihrer Prüderie an tiefste vormoderne Zeiten erinnernd – Tendenzen an, dem Druck des „Immer

mehr Sex“ auszuweichen und andere Formen der Lüste und Lieben zu konstruieren – ebenso wie sich

die eine „wahre“ Liebe, die eine „wahre“ Sexualität sich dereinst etablierte. Wenn wir in Betracht

ziehen, dass „Sexualität nicht zutiefst das ist, was die Macht fürchtet, sondern viel eher das ist,

wodurch sie wirkt“24, würden wir vielleicht begreifen, dass wir der endlosen Sexualisierung unseres

Daseins durch die „Polizei des Sexes“ entkommen, indem wir beginnen, den Polymorphismus des

Sexes als Ausdruck des freiheitlichen Wesens des Menschen zu sehen. Vielleicht sieht so der

Übergang von Saturn über Uranus zu Neptun aus, wenn die Kategorien des Sexuellen für uns

keinerlei Bedeutung mehr haben, wenn wir uns mit anderen konfrontieren und auf einmal feststellen,

dass unsere Mitwelt aus Menschen besteht und nicht in erster Linie aus Frauen, Männern, Homo-, Bioder

Heterosexuellen. „Vielleicht ist es das Ende dieser trostlosen Einöde der Sexualität, das Ende

der Monarchie des Sex.“25

24Foucault, Michel, Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin 1978. S.187

25ebd. S.186

 
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